Nächste Pleite : Hertha desolat wie die SPD

Der Tabellenletzte Hertha BSC geht auch in Hoffenheim unter - nach dem 1:5 droht tatsächlich der Abstieg in die Zweite Liga. "Die Analyse dieses Spiel ist schnell gemacht", sagt Herthas Trainer Lucien Favre.

Sven Goldmann[Hoffenheim]
TSG 1899 Hoffenheim - Hertha BSC
Nicht zu fassen. Arne Friedrich verzweifelt mit seiner Hertha.Foto: ddp

Die SPD der Fußball-Bundesliga trug schwarze Trikots mit passenderweise roten Streifen, sie kam aus Berlin und war so hoffnungslos unterlegen, dass sich der gegnerische Anhang alle Schadenfreude verkniff.  Ein paar Sekunden überlegten die Hoffenheimer Zuschauer, ob sie sich lustig machen sollten über den armen Gast. „Zweite Liga, Hertha ist da bei“, riefen ein paar, andere sangen „Schießbude Hertha“, aber irgendwie hatten sie nicht den rechten Spaß daran. Hertha BSC war einfach nicht satisfaktionsfähig an diesem siebten Spieltag. Mit dem 1:5 (1:3) bei 1899 Hoffenheim bauten die Berliner ihre Serie auf nun sechs Niederlagen hintereinander aus und verteidigten heldenhaft den letzten Tabellenplatz. Am Donnerstag tritt Hertha in der Europa League bei Sporting Lissabon an, drei Tage später kommt Spitzenreiter Hamburger SV ins Olympiastadion.

Herzlich willkommen im Abstiegskampf!

Geschlossenheit zeigten die Herren Fußballprofis am Sonntag nur, als aus der Kabine Richtung Mannschaftsbus trabten und jeden Kommentar verweigerten. Stellvertretend für alle sagte Kapitän Arne Friedrich, dass es nichts zu sagen gebe. „Die Analyse dieses Spiel ist schnell gemacht“, sagte Herthas Trainer Lucien Favre und dass er sich deswegen nicht äußern wolle, bevor er die grausamen 90 Minuten noch einmal auf DVD verfolgt habe. Es dürfte eine peinigende Nachtsitzung gewesen sein für den Schweizer, der bekannt ist für seinen Hang zum Perfektionismus. Hertha aber spielt in diesen Wochen am anderen Ende der Skala. Wird das Konsequenzen haben für Favre? „Niemand ist zufrieden mit der augenblicklichen Situation“, sagte der Trainer, aber er spüre noch das Vertrauen der Klubführung und denke nicht an einen Rücktritt. Selten hat man ihn so irritiert und angeschlagen gesehen wie am Sonntag in Sinsheim.

Hoffenheims Stürmer Ibisevic trifft schon nach 45 Sekunden

40 Minuten lang saßen Trainer und Spieler nach dem Schlusspfiff in der Kabine. Was da beredet wurde? „Nichts“, sagte Favre. Das gegenseitige Anschweigen war eine durchaus logische Konsequenz. Wie soll man auch erklären, was sich da vor 29 600 Zuschauern auf dem Rasen der Sinsheimer Arena abgespielt hatte? Das Spiel war schon entschieden, bevor es so richtig begonnen hatte. Gleich ihren ersten  Angriff verwerteten die Hoffenheimer zum Führungstor. Vedad Ibisevic erzielte es nach exakt 44 Sekunden. Der Bosnier stand als Exekutor am Ende einer atemberaubenden Ball-Stafette über Sejad Salihovic und Chinedu Obasi. So viel zur positiven Auslegung, bei der allerdings nicht vergessen werden darf, dass die Berliner Innenverteidigung mit Arne Friedrich und Rasmus Bengtsson allenfalls physisch anwesend war. Genauso sah es zwei Minuten 2:0 aus. Nach Carlos Eduardos Eckball schaute Friedrich andächtig zu, wie Ibisevic neben ihm hochstieg und den Ball mit der Stirn ins Tor drückte. Nach dreieinhalb lag Hertha 0:2 zurück, ohne dass  Timo Ochs, der aus der Arbeitslosigkeit verpflichtete Torhüter, auch nur einmal den Ball berührt hatte.

In diesem Stakkato ging es weiter. Es spielten nur die Hoffenheimer, die den Nachmittag zu einem großartigen Erlebnis für ihren Mittelstürmer Ibisevic gemacht hatte. 18 Tore hatte dieser in der Hinrunde der vergangenen Saison erzielt, ein Kreuzband riss schloss aus ihn vom Mitwirken in der Rückrunde. Jetzt ist er wieder da, aber es bedurfte schon eines so verständnisvollen Gegners wie Hertha BSC, den Torjäger in ihm zu neuem Leben zu erwecken. Das 3:0 in der 21. Minute war sein drittes Saisontor und es entsprang dem schönsten Zug des gesamten Spiels. Scharf und präzise schlug Carlos Eduardo den Ball vom rechten auf den linken Flügel, Salihovic spielte direkte zurück nach rechts zu Andreas Beck, dessen Flanke Ibisevic mit dem Kopf verwandelte.

Dieses Tor spiegelte wie kein anderes die Kräfteverhältnisse auf dem Platz wieder. Hoffenheim spielte technisch, läuferisch und gedanklich eine Liga höher als Hertha, mindestens. Josip Simunic, in diesem Saison von Berlin nach und Hoffenheim gewechselt, dürfte selten einen so geruhsamen Arbeitstag in der Innenverteidigung erlebt haben. Trainer Ralf Rangnick ließ den leicht verletzten Kroaten zur Pause vorsichtshalber in der Kabine.

Hertha war deutlich unterlegen, und doch gab es da eine kurze Phase, in der zu erahnen war, dass noch Leben steckte in dieser Berliner Mannschaft. Es erstreckte sich diese Phase sogar über beide Halbzeiten, beginnend mit einem großartigen Solo von Raffael über den halben Platz, wobei er die halbe Hoffenheimer Mannschaft austrickste. Beck stoppte den Berliner Brasilianer, der den  fälligen Freistoß gleich selbst zum 1:3 verwandelte. Mit einem Billardstoß an den linken Pfosten und von dort aus weiter ins rechte Eck. Zwar kam Hoffenheim furios aus der Pause zurück und erzielte durch Demba Ba prompt ein Tor. Das aber fand wegen eins Foulspiels an Ochs keine Anerkennung. Und wer weiß schon, wie Hoffenheim reagiert hätte, wenn kurz darauf Maximilian Nicu eine Riesenchance zum 2:3 genutzt hätte. Der Rumäne aber schob den Ball aus bester Position zaghaft gegen die Arme von Torhüter Hildebrand, und schon war der flüchtige Gedanke an einen Berliner Aufschwung dahin.

Den Rest des Nachmittags gestaltete Hoffenheim routiniert, aber mit gebremstem Ehrgeiz. Erst  legte Obasi das vierte Tor nach, dann trat der für den Ex-Hoffenheimer Christoph Janker eingewechselte Marc Stein im Strafraum dem dribbelnden Ibisevic so ungeschickt in die Beine, dass der folgende Elfmeterpfiff schon wegen Dummheit gerechtfertigt war. Carlos Eduardo verwandelte zum 5:1. Der Rest war Hoffenheimer Schaulaufen, begleitet von Berliner Ohnmacht.

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