Sport : Nationalelf: Expedition in Mausgrau

Michael Rosentritt

Rudi Völlers Haare sind sauber. Was in erster Linie daran liegt, dass er geradewegs vom Duschen kommt. Und doch scheinen die Haare des Teamchefs ein bisschen grauer geworden zu sein, als sie es ohnehin schon sind. Unterstützt wird dieser Eindruck vom mausgrauen Freizeittextil, das er trägt. Das heißt, die komplette Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes trägt Mausgrau. "Wie passend, wie trefflich", findet ein englischer Kollege. "Euch bleibt auch gar nichts erspart."

Eigentlich hatte sich die deutsche Mannschaft auf dem Weg nach London gemacht, um am Sonnabend im Wembley-Stadion gegen England ein WM-Qualifikationsspiel zu bestreiten. Daran wird sich aller Voraussicht nach auch nichts ändern. Das aber ist aber schon das Einzige, was noch so ist, wie es sein soll. Rings um die Nationalmannschaft hat sich seit Wochenbeginn ein großer Schleier gelegt. Aus dem kommenden Bundestrainer Christoph Daum ist ein Fall Christoph Daum geworden. Auch wenn Rudi Völler von "Problemfällen" spricht und damit muskulär angeschlagene Spieler wie Jancker, Scholl, Deisler und Ramelow meint - dem eigentlichen Problem kann sich niemand aus dem deutschen Tross entziehen. "Natürlich geht das nicht hundertprozentig", sagt Völler, "alles andere wäre eine faule Ausrede." Am liebsten wäre ihm, "alles hinter uns zu lassen, aber das geht im heutigen Medienzeitalter nun mal nicht". Während der Mediendirektor des DFB, Wolfgang Niersbach, die Presse um Verständnis dafür bittet, dass Völler "hier nicht weiter den Fall Daum kommentieren will", lassen sich die englischen Journalisten nicht abwimmeln. Derzeit werden die hiesigen Zeitungen von den "Demolition Boys" beherrscht. Das sind jene, die am Tag nach dem Spiel auf ihre Bulldozer krabbeln und das altehrwürdige Wembley zusammenschieben werden. Nun aber haben auch sie erfahren, dass im deutschen Fußball ein, zwei Herren mit durchaus ähnlichen Absichten am Werke sind.

Allen voran Uli Hoeneß und jetzt auch Franz Beckenbauer und Fritz Scherer, der Vizepräsident des FC Bayern München. Dessen ins Rennen geschickte Idee mit der Haarspitzenanalyse gefällt den englischen Kollegen ganz besonders, weshalb Völler danach befragt werden muss. Völler hält das ein bisschen für übertrieben. "Ich finde ja kaum Worte", sagt er, weil er alles "abenteuerlich" findet. "Wir müssen hier mit dieser Situation leben, aber wir wollen so wenig wie möglich darüber reden, weil es uns ohnehin noch einige Wochen beschäftigen wird." Er habe zwar versucht, das Thema "weitgehend rauszuhalten, weil das Spiel einfach zu wichtig ist", aber "totschweigen können wir es nun mal nicht".

Christian Ziege beispielsweise fragt man lieber erst gar nicht dazu. Er würde wohl auch nichts sagen. Der frühere Münchner und jetzige Liverpooler weiß aus den leidvollen Tagen der Europameisterschaft, wie es ist, wenn man ehrlich seine Meinung über einen Trainer oder Spieler sagt. Mehmet Scholl dagegen, seit einigen Wochen Mitglied des Spielerrates, muss etwas sagen. Aber auch er ist zu lange schon im Geschäft, um unvorsichtig Dinge beim Namen zu nennen. Und er kennt als langjähriger Bayernspieler den Uli Hoeneß. "Es ist doch nicht meine Aufgabe, mich über Dinge zu äußern, die mich nicht zu interessieren haben. Das ist was Sportpolitisches", sagt Scholl und hofft, dass er damit aus dem Schneider ist. Er blickt dabei zum Fenster raus. Es regnet, englisches Wetter. "Wissen Sie, was mir an England so gefällt?", fragt Scholl und antwortet selbst: "Die Fairness, wie hier miteinander umgegangen wird". Vielleicht hat er in diesem Augenblick an seine eigene, etwas wildere Zeit gedacht. Vielleicht auch nicht. "Mich interessiert das wirklich nicht. Wir müssen nur sehen, dass wir uns für die Weltmeisterschaft qualifizieren."

Scholl hätte auch sagen können, was viele Spieler denken, aber in einer solchen Situation wie dieser nicht sagen werden: Die deutsche Nationalmannschaft hat unter Völler die große Chance, die WM 2002 in Japan und Südkorea zu erreichen. Und das nicht nur, weil der Rudi so saubere Haare hat.

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