• Nationalelf: Verstand siegt über Gefühl - Stefan Effenberg erteilt Rudi Völler eine Absage

Sport : Nationalelf: Verstand siegt über Gefühl - Stefan Effenberg erteilt Rudi Völler eine Absage

Jörg Allmeroth

Schlaflose, unruhige Nächte hat Stefan Effenberg "nicht verbracht", seit ihn am vergangenen Freitag der alte Freund und neue DFB-Teamchef Rudi Völler daheim in München aufsuchte. "Wir sprachen über Gott und die Welt und den Fußball" - und um eine Rückkehr Effenbergs in die Fußball-Nationalmannschaft zu überdenken. "Rudi ist sicher nicht der Typ, dem man ins Gesicht sagt: Keine Chance", befand der Spielmacher des FC Bayern München. Doch was Effenberg dem "guten Kumpel und Weggefährten" Völler bereits am Dienstag telefonisch mitgeteilt hatte, diese "schwierige, aber nicht dramatische Überlegung" offenbarte er gestern auch der Öffentlichkeit: Ein Zurück vom Zurück wird es nicht geben, der Anlauf zur WM-Qualifikation 2002 findet ab diesem Herbst definitiv ohne ihn statt. "Es war ein Entschluss, den der Verstand diktiert hat", sagte Effenberg, "vom Gefühl her wäre ich vielleicht ganz gern in die Nationalmannschaft zurückgekehrt."

Während Effenberg selbst schon prophetisch manche böse Schlagzeile vorherzusehen glaubte, "in der ich niedergemacht und als nationaler Verräter beschimpft werde", wurde sein Entschluss bei den Verantwortlichen des FC Bayern und auch von Völler mit Verständnis aufgenommen. "Damit sichert sich Stefan auch ein Stück Glaubwürdigkeit", sagte Bayern-Manager Uli Hoeneß, der Effenberg in einem Vier-Augen-Gespräch bereits am Dienstag im Trainingslager dringend von einem Comeback abgeraten hatte, "auf seinen Schultern wäre doch die ganze Verantwortung abgeladen worden."

Effenbergs Wunsch nach mehr Ruhepausen im hektischen Fußball-Betrieb und der Wille, in dieser späten Phase seiner wechselhaften Karriere "so viel Zeit wie möglich mit der Familie zu verbringen", erinnerten den neuen Nationalmannschafts-Chef Völler gar an die Zeit der eigenen Rücktrittsüberlegungen: "Wenn ich ehrlich bin, waren es bei mir ganz ähnliche Gründe, die meinen Abschied beschleunigten." Trotzdem, befand Völler, "finde ich es mutig, wie schwer es sich Stefan noch einmal mit seiner Abwägung für und gegen eine Rückkehr gemacht hat. Es wäre töricht, wenn jetzt jemand herkäme und sagte, das ist ein Feigling."

Effenberg hatte sich schon seit der Blamage der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft auf eine Comeback-Debatte eingestellt und geahnt, "dass gebohrt, nachgehakt und gedrängelt wird". Doch bei allem Stolz und einem insgeheimen Trotz, "noch mal beweisen zu wollen, dass ich diese Herausforderung packen kann", überwog zuletzt die Furcht vor dem öffentlichen Dauerdruck und die Angst, "dass mein Familienleben dabei kaputtgeht": "Seit die Diskussion wieder losgegangen ist, habe ich gemerkt, dass meine Kinder sehr, sehr unruhig geworden sind."

Auch Effenbergs Frau und Managerin Martina wehrte sich offenbar gegen die Rückkehr: "Sie hat mich gefragt, was das wirklich noch bringen soll. Und ich habe auch gedacht: Ja, was denn eigentlich?" Nur ein Mal am letzten Wochenende sei er "für ein paar Stunden nahe dran gewesen, doch Ja zu sagen. Doch das war schnell vorbei."

Was blieb, war die nüchterne und bewusst gefühllose Einschätzung, "dass ich mir in meinem Alter nicht mehr die ganze Welt auf den Rücken packen muss". In den letzten Tagen, als landauf und landab seine Nationalmannschafts-Entscheidung diskutiert wurde, hatte Effenberg auch wieder gemerkt, "wie emotional bei meiner Person alles angegangen ist. Da spielen die Leute einfach verrückt." Es komme ihm vor als sei "mein Fall eine richtige Staatsaffäre".

Statt aller Ungewissheiten und Beklemmungen beim problembeladenen Aufbauwerk für das kaputte Heiligtum Nationalmannschaft richtet Effenberg seine ganze Konzentration nun in den beiden nächsten Jahren auf seine Münchner Aufgaben. Trotz aller Beschwörungsversuche von Hoeneß und auch Trainer Hitzfeld, sich nicht zu übernehmen mit einer Rückkehr ins DFB-Team, betonte Effenberg ausdrücklich seine alleinige Meinungsbildung. Wichtig sei gewesen, "letztlich nicht einer Augenblickslaune nachzugeben und standfest zu bleiben." Anders also als 1998, bei dem kurzen und schmerzvollen und belächelten Comeback unter dem Nationaltrainer Berti Vogts.

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