Sport : Nationalmannschaft: Spaß macht nur ein Stammplatz

Michael Rosentritt

Im Gepäck von Mehmet Scholl findet sich neben Duftwässerchen, Laptop und sonstigen Dingen des Fußballerbedarfs etwas ganz Spezielles. "Spionagechef im geheimen Krieg" heißt das Buch, geschrieben von Markus Wolf. Aber was nimmt man nicht alles mit für einen sechstägigen Harmonie-Tripp auf die Sonneninsel Mallorca im Kreise einer kaum formatierten Auswahl von 22 Kandidaten. Vielleicht hatte Scholl auch nur Erinnerungen an ein Trainingslager im Hinterkopf, das vor der Europameisterschaft 1996 in Nordirland stattfand: "So etwas Langweiliges", sagt der Münchner, "habe ich noch nie erlebt."

Immerhin haben sie alle ein bisschen Farbe bekommen, die zuletzt so blassen Kicker. Seit gestern sind sie wieder in der Heimat, und jetzt kann sich auch Mehmet Scholl wieder anderen Aufgabe zuwenden. Heute Abend (Spielbeginn 19 Uhr) trifft die deutsche Mannschaft in Nürnberg auf Tschechien. Mit Mehmet Scholl, dem Mann für die Ästhetik im deutschen Mittelfeld.

Teamchef Erich Ribbeck hat sich offenbar verabschiedet von taktischen Ausflügen in die Fußball-Moderne und wird wohl zurück greifen auf das bewährte System mit Libero, Fünfer-Mittelfeld und zwei Stürmern. Scholl sagt: "Das ist zwar nicht fortschrittlich, aber hat immerhin den Vorteil, dass du nichts falsch machen kannst, weil das alle Spieler kennen." Und der Teamchef. "Ach, wissen Sie", erzählt Scholl, "manchmal war ich mir auch nicht sicher, wohin die Reise geht. Und es hat ja auch lange gedauert, aber jetzt glaube ich einfach mal, dass der Trainer seine Elf fest im Kopf hat." Ist doch schon was.

Eine Woche lang hat sich das Leben der Nationalspieler zwischen Golf- und Trainingsplatz, Pool und Internet abgespielt. Mit welchem Effekt? Scholl winkt ab. "In dieser Woche ging es für uns doch nur darum, die Köpfe frei zu kriegen." Er tut sich schwer damit, genau zu erklären, was das eigentlich ist, den Kopf frei kriegen, was dabei passiert, wie sich das anfühlt. Vorher und nachher. Aber er versucht es wenigstens: "Das hängt jedenfalls mit der Belastung nach einer langen, schweren und nervenaufreibenden Saison zusammen. Es geht gar nicht so sehr um das Sportliche. Für mich wäre es kein Problem, alle drei Tage zu spielen. Kaputt machen dich ganz andere Sachen: die Reisen, die Hotelaufenthalte."

57 Pflichtspiele hat Mehmet Scholl für den FC Bayern in dieser Saison absolviert. Das ist oberer Schnitt. "Wenn du 15 englische Woche in den Knochen hast, bist du gar nicht böse, wenn du mal draußen sitzt." Ähnlich dürfte es den Leverkusenern gehen, die neben den Münchnern das Gros der Nationalmannschaft stellen. "Deswegen hatte ich am Anfang auch meine Zweifel, ob wir denn wirklich eine gute EM spielen können." Diese Zweifel sind schwächer geworden, an jedem Tag der Reise. "Jeder Spieler ist wieder mit Eifer dabei, alle können und wollen wieder etwas leisten", sagt Scholl. "Diesen Eindruck hatte ich lange nicht."

Die Zeit des Wartens, der nervtötenden Vorbereitung, sie nähert sich ihrem Ende. Zehn Tage sind es noch bis zum ersten EM-Spiel gegen Rumänien. "Wir haben gute Chancen die Rumänen zu schlagen", sagt Scholl und weiß nur zu gut um den limitierten Nachrichtenwert dieser Aussage. Aber was soll er sonst erzählen? Natürlich die Geschichte vom "Selbstläufereffekt, wenn du dieses erste Spiel erst einmal gewonnen hast". Oder dass es "ganz schwer wird, wenn wir nicht gewinnen".

Im Konzept des Teamchefs, so es denn tatsächlich vorhanden ist, spielt Mehmet Scholl eine Art offensive Zwitterrolle. Vor ein paar Wochen, als Ribbeck noch mutig war, durfte Scholl als dritte Stürmer auflaufen, später dann hinter den Spitzen. Was mehr Spaß gemacht hat? Scholl überlegt. "Solange ich nicht weiß, ob ich spiele oder nicht, will bei mir der Spaß nicht aufkommen." Bis dahin vertreibt man sich halt die Zeit. Jeder, so gut er kann.

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