Sport : NBA: Allen Iverson ist die Antwort

Sven Simon

Endlich ist der 1,83 Meter kleine Basketballer da, wo er mit aller Kraft hinwollte: Im Finale der amerikanischen Profiliga NBA. Heute Nacht trifft Allen Iverson mit seinen Philadelphia 76ers im ersten Spiel von sieben möglichen (Best of seven) auf den Titelverteidiger, die Los Angeles Lakers. Auf dem Weg dahin hat sich der beste Spieler der Saison weder von Verletzungen noch von David Stern aufhalten lassen.

NBA-Chef Stern hatte lange ein zwiespältiges Verhältnis zu Iverson. Quoten und Verkaufszahlen sinken, und der Basketballer Iverson ist spektakulär genug, um die Liga attraktiver zu machen. Aber die Vergangenheit und das Aussehen des 25-Jährigen passen nicht in das glänzende Bild, das David Stern gerne von seinem Produkt malt. Iverson hat die meisten Ballgewinne, spielt am längsten und macht die meisten Punkte. Das ist für den Shooting Guard nicht neu. Neu ist, dass sein Team siegt: In seinem fünften NBA-Jahr trieb der Alleinunterhalter die 76ers zur erfolgreichsten Bilanz im Osten. Iverson hatte in der NBA von Beginn an Erfolg: Bei seinem Debut 1996 erzielte er 30 Punkte gegen die Milwaukee Bucks, war auf Anhieb Topscorer der 76ers (23,5 Punkte) und wurde zum Rookie des Jahres gewählt. Zwei Jahre später war er bester Punktesammler der Liga, hatte einen Siebenjahresertrag über 71 Millionen Dollar unterschrieben und bekam fünf Millionen Dollar im Jahr vom Sportartikelhersteller Reebok.

Die Verantwortlichen sind sich sicher, dass "The Answer" (Die Antwort), so sein Spitzname, dieses Geld wert ist. Wenn einer die Lakers auf ihrem Siegeszug durch die Playoffs stoppen kann, dann Iverson. Seine Schnelligkeit ist unübertroffen. Wie er anscheinend schmerzbefreit gegen die Längsten der Liga zum Korb zieht, begeistert jeden. "Ich war neunmal beim Rodeo und habe einmal Elvis gesehen. Aber noch nie so etwas wie Allen", sagte der Collegetrainer Nolan Richardson auf die Frage nach Iversons Potenzial.

Wäre da nicht sein Leben abseits vom Basketball, er wäre der Liebling der NBA. Allen Iverson ist in einem Getto in Hampton in Virginia groß geworden. Seine Mutter war 15 Jahre alt bei seiner Geburt. Sein Vater verließ die Familie früh, sitzt heute im Gefängnis, weil er eine Freundin niedergestochen hat. Oft gab es keinen Strom und kein warmes Wasser wegen unbezahlter Rechnungen. Sein bester Freund Tony Clark wurde erschossen. Bei einer Feier in einer Bowlingbar geriet er in eine Schlägerei zwischen Weißen und Schwarzen. Er wurde beschuldigt, einem Mädchen einen Stuhl auf den Kopf geschlagen zu haben. Der 17-Jährige wurde nach Erwachsenenstrafrecht zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, obwohl es keine eindeutigen Beweise gab. Nach vier Monaten begnadigte ihn Virginias erster farbiger Gouverneur Doug Wilder. "Es ist schon seltsam, dass die Polizei aus der Meute prügelnder Jugendlicher nur vier Schwarze rausholt und einer davon das Sportidol der Stadt ist", sagte der Bürgerrechtler Golden Frinks. In seinem letzten Jahr an der Highschool hatte Iverson nicht nur das Basketballteam, sondern als Quarterback auch das Footballteam zur Landesmeisterschaft geführt.

Iverson beteuerte seine Unschuld im Falle der Schlägerei: "Jeder dort kannte mich. Glaubt ihr, ich prügele jemanden mit einem Stuhl zusammen und denke, ich komme davon?" Die Zeit im Gefängnis sei die Hölle gewesen und habe ihn darin bestärkt "es zu schaffen im Sport, damit es mir und meiner Familie besser geht".

Natürlich gibt es viele Sportstars, die im Getto groß geworden sind und Probleme mit dem Gesetz hatten, aber die meisten lassen das hinter sich, wenn sie Profi werden. Nicht Allen Iverson. Er nahm nicht nur seine Mutter, seine langjährige Freundin Tawanna Turner und seine beiden Kinder Tiaura, 5, und Allen, 2, mit in die NBA, sondern auch seine Freunde. "Das", erklärte er, "sind die Jungs, die ich um mich haben möchte. Die haben sich auf der Straße um mich gekümmert, bevor sich alles so entwickelt hat. Und jetzt, wo mir etwas Gutes passiert, soll ich sie nicht mitnehmen auf den Ritt?"

David Stern möchte nicht, dass diese Leute mit der NBA in Zusammenhang gebracht werden. 1996 wurde auf einen Mercedes, den der Basketball-Star an seine Freunde verliehen hatte, geschossen. 1997 wurden in einem Auto, in dem er mitfuhr, zwei Joints und eine 45-Millimeter-Pistole gefunden. Seine Schwester holte ihn gegen eine Kaution von 2000 Dollar aus dem Gefängnis. Eine Anzeige bekam er nicht. Die NBA sperrte ihn für ein Spiel. 1998 wurden zwei seiner Freunde als Drogenhändler verhaftet, während sie in seinem Mercedes unterwegs waren.

Allen Iverson trägt im Gegensatz zu vielen NBA-Stars keine teuren Anzüge, er ist seinem Hip-Hop-Style treu geblieben, legt sein Geld in Juwelen an und lässt seine Frisörin zu Auswärtsspielen einfliegen, damit sie ihm seine Haare zu einer ganz speziellen Frisur, den afrikanischen Cornrows, richtet. Eines seiner vielen Tätowierungen zeigt einen Soldatenkopf. "Weil das Leben wie ein Krieg ist", sagt Iverson. Alles an ihm sagt Leuten wie NBA-Chef David Stern: "Ich bewege mich zwar in deiner Welt, aber ich gehöre nicht zu deiner Welt." Den Fans scheint es egal zu sein: Kein Trikot wird häufiger gekauft als das von Allen Iverson.

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