Nebenschauplatz : In der Kabine des EM-Finalstadions

Tschuldigung, geht’s hier zur Teeküche? Unser Autor hat sich das Ernst-Happel-Stadion in Wien einmal genauer angeschaut. Dort findet schließlich das EM-Finale am 29. Juni statt. Ein Raum interessierte ihn besonders: Die Kabine. Eine Viertelstunde durfte er hinein.

Friedhard Teuffel[Wien]
Kabine
Neue Sachlichkeit. Wie soll in diesem kargen Zimmer Teamgeist entstehen?Foto: Imago

Eine Frechheit, von Nebenschauplatz zu reden. Hier wird die EM vorentschieden, mindestens: Hier wird der Trainer der kommenden Meistermannschaft seinem Lieblingsspieler den entscheidenden taktischen Kniff zuraunen. Und hier werden sich [heute erstmal die Österreicher umziehen und mit den Klamotten die ganze Angst ablegen vor dieser EM. Ja, genau hier. In der Umkleidekabine des Wiener Stadions.

Nebenschauplatz? Hallo?

Eine viertelstündige Besichtigung – und sie hat sich doch noch für diese Rubrik qualifiziert. Denn in diese Umkleidekabine kann man nichts hineingeheimnissen. Hier werden Mannschaften aufbewahrt. Dieser Raum ist der Nacktmull unter den Fußballorten. Schon das Türschild mit seinen Steckbuchstaben sieht aus wie ein Wegweiser zur Teeküche.

Die Sitzplätze der Spieler laufen einfach an der Wand entlang. Wie soll so Gruppendynamik entstehen? Das riecht nach Frontalunterricht. Der Boden ist graubraunes Linoleumzeug, die Plätze sind dunkelbraun. Jeder Fengshui-Meister würde bei diesem Anblick das Aussterben der europäischen Art vorhersagen. ]An der anderen Wand stehen zwei Massageliegen, die bestimmt nach der EM wieder für Fußreflexzonenmassagekurse an der nächsten Volkshochschule eingesetzt werden. Nebenan der Sanitärbereich: Drei Urinale, drei WC-Boxen, zehn Duschen. ZEHN!

Wer war das? Ein österreichischer Installateur, der aus der Enttäuschung der vergangenen Jahre vergessen hat, wie Fußball geht und mit wie vielen Fußball geht? Oder glaubt er, dass der österreichische Torwart sich nicht anstrengen muss und ungeduscht in seinen Anzug schlüpfen kann?

Hier nach einem Entmüdungsbecken zu fragen wäre, wie in der Jugendherberge nach dem Wasserbett zu suchen. Aber nun zu den sachlichen Hintergründen: In diesem Stadion ist kein Klub zu Hause. Es ist ein Nationalstadion. Also: nur Länderspiele, Sportfeste, Konzerte und vielleicht noch Massensegnungen irgendwelcher Sekten. Das Stadion ist insgesamt kein Schmuckkästchen, die Tribünen sind nicht steil genug, die Laufbahn liegt wie ein Bremsstreifen für Emotionen zwischen Spiel und Publikum. 37 Millionen Euro haben sich Wien und Österreich geteilt, um das Stadion aufzumotzen. Nur eines haben sie vergessen: ein bisschen, wenigstens ein bisschen eitel zu sein.

Doch genug jetzt. Auch diese Umkleidekabine hat das Recht, Fußballgeschichte zu schreiben. Auch an ihr muss irgendwas Gutes dran sein. Vielleicht ist es das: Die Kabine zerstört das Vorurteil vom verwöhnten Fußballprofi, der vor dem Spiel seine Schuhe an eine Schnürsenkelbindemaschine hält und sich in der Pause auf dem Kanapee mit Trauben beregnen lässt. Diese Kabine ist einfach ehrlich.

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