Sport : Nett und gefährlich

Das Geschwisterpaar Christina und William Beier bringt die Hierarchie im Eistanz durcheinander

Frank Bachner

Berlin - William Beier sagt noch immer ganz locker „Hallo“ zu Attila Elek, er hat damit gar keine Probleme. Beier muss kichern, als er das sagt, es ist eine Botschaft. Wir Männer sind erwachsen, wir machen keinen Kinderkram – das will er damit sagen. Der Eistänzer Attila Elek aus Ungarn hat eine Partnerin, Nora Hoffmann, und Nora Hoffmann sagt nicht locker „Hallo“, wenn sie Christina Beier trifft. Sie geht mit zusammengekniffenen Lippen und hartem, abweisenden Blick an ihr vorbei. Sie redet nicht mehr mit Christina Beier, der Schwester und Partnerin des Eistänzers William Beier. Der Bruder findet das affig. Er war mit Nora Hoffmann schon im Kino, zu viert haben sie im Restaurant gesessen, bei Lehrgängen haben sie sich gut verstanden.

Aber das war vor Wien.

In Wien, bei der Olympia-Qualifikation im Oktober, tanzten sich die Geschwister Beier aus Oberstdorf auf Platz drei. Eine Überraschung. Nora Hoffmann und Attila Elek aber landeten auf Platz sieben. Eine Demütigung, jedenfalls für Nora Hoffmann. Sie war mit Attila Elek immer vor den Beiers gewesen, jetzt war die alte Hierarchie zerbrochen. „Seither redet sie nicht mehr mit Christina“, sagt William Beier. „Bei den Frauen ist das etwas komisch.“

Die schmalen Lippen der Konkurrentin, die eisigen Blicke, das sind aber auch Symbole. William und Christina Beier sind in einer neuen Liga angekommen. Sie gehören jetzt zum Kreis der Weltklasse-Paare. Bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin, bei denen sie gestern nach der Pflicht souverän die Führung übernahmen, sind sie, die Titelverteidiger, sowieso fast konkurrenzlos. Aber Platz drei in Wien ist ja nur Teil einer Erfolgsbilanz in dieser Saison. Platz fünf und sechs im Grand- Prix, Platz drei bei der Nebelhorn-Trophy in Oberstdorf, das waren andere Auftritte als ein paar Monate zuvor. Bei der EM belegten sie Platz 15, bei der WM Rang 20, es waren gerechte Platzierungen. Die Beiers waren zum ersten Mal bei einer WM und EM, sie leisteten, was sie konnten, und füllten doch nur die Rolle aus, in der sie auch die Konkurrenten sahen: als Nobodys. Nett, aber ungefährlich.

Nett sind die Beiers immer noch, aber im Sommer haben sie so hart trainiert wie noch nie in ihrem Leben. Sechs, sieben Stunden am Tag waren normal, zwei Wochen lang steigerten sie das Pensum auf acht Stunden. Ballett, Kraft, Kondition, Arbeit auf dem Eis, alles dabei. Sie feilten an der Technik, an ihren Hebungen, an ihrem Ausdruck, immer angetrieben von ihrem Trainer Martin Skotnicky, der selten laut wird, aber sehr genau registriert, ob ein Athlet mitzieht und eigene Ideen einbringt.

Die Beiers bereiten da keine Probleme. „Wer stagniert, wird weggeschoben“, solche Sätze formuliert William Beier. Er ist 23 Jahre alt, zwei Jahre älter als seine Schwester, aber wenn er redet, klingt er so abgeklärt wie ein Routinier, der schon seit Jahren die Szene kennt. Er redet nicht über Belastungen oder Frustration im Training, jedenfalls nicht so, dass es genervt klingt. Den Sommerurlaub musste er streichen, weil die Bundeswehr in dieser Zeit Lehrgänge für den Sportsoldaten William Beier legte. Während seine Schwester wenigstens eine Woche in Lanzarote war, obwohl sie ebenfalls in der Sportförderkompanie ist, hatte William Beier einen ausgefüllten Arbeitstag. Das war halt so, sagt er. „Wir hoffen, dass sich die fehlende Regeneration nicht rächt“, schiebt er noch nach. Mehr kommt nicht.

Es ist die Einstellung von allen ehrgeizigen Athleten, aber weil es auch die Einstellung der Beiers ist, haben sie jetzt Paare einge- und überholt, „die vor Monaten noch fast uneinholbar von uns entfernt waren“ (William Beier). Manchmal haben sie sich auch gestritten, die Geschwister. Im Sommer war das, wenn das Training besonders hart war. „Da ist man gereizt“, sagt William Beier. Aber „nie etwas Ernstes“. Eine Grundharmonie sei immer da, anders gehe es auch gar nicht als Paar. „Und im Wettkampf hält man dann sowieso zusammen“, sagt der 23-Jährige.

Die beiden hatten schon wieder eine gemeinsame Linie, als sie die Musik für ihre neue Kür aussuchten. Die Geschwister wollten etwas Fetziges, „so mit ordentlichen Bässen“, Martin Skotnicky, der Trainer, eine Generation älter als seine Athleten, wollte eher Oldies. Wochenlang hörten das Trio Musik, irgendwann spielte Skotnicky den Beiers dann „Come together“ von den Beatles vor. Die Jüngeren nickten, akzeptiert für den ersten Teil der Kür. Die Musik für die beiden restlichen Teile kommt von Jeff Beck und Phil Collins.

Vielleicht schreiben Fans bald, wie sie die Musik finden. Denn seit sie vorne mitlaufen, erhalten die Beiers mehr Post. Autogrammwünsche oder E-Mails mit Fragen. Ein Fan wollte von William Beier wissen, ob der auch Unterricht erteile. Vor allem Männer meldeten sich, sagt der 23-Jährige. „Die meisten davon schreiben an meine Schwester.“

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