Sport : Neue Mitte

Hertha BSC muss heute ein bisschen improvisieren

Stefan Hermanns

Berlin - Dieter Hoeneß hat schon häufiger die Geschichte aus dem Frühjahr 2004 erzählt, als er sich in der brasilianischen Stadt Porto Alegre ein Fußballspiel anschaute. Es ist eine Geschichte, in der Hoeneß, der Manager des Berliner Bundesligisten Hertha BSC, ziemlich gut wegkommt. Hoeneß saß neben Falko Götz, dem neuen Trainer des Vereins, auf der Tribüne, um Gilberto zu beobachten, und bei dieser Gelegenheit entwarfen Hoeneß und Götz ihre neue Hertha. Sie malten das künftige Mittelfeld des Klubs aufs Papier, mit Marcelinho in zentraler Rolle und den beiden Neulingen Gilberto und Yildiray Bastürk als seinen Unterstützern. Ein schönes und funktionstüchtiges Gebilde. Doch die neue Hertha von damals ist längst überholt. Marcelinho hat den Klub im Sommer verlassen, Bastürk rückte auf seine Position, heute aber, im Spiel gegen den 1. FC Nürnberg, könnte Gilberto ersatzweise den Spielmacher geben.

Bastürk jedenfalls wird es nicht tun. Der Türke fällt definitiv aus, auch wenn Götz das lange nicht wahrhaben wollte. Noch am Donnerstag hatte er gesagt: „Ich hoffe, dass Yildiray spielen kann.“ Zu diesem Zeitpunkt war Bastürk nicht einmal imstande, schmerzfrei zu gehen. Der Bluterguss in der Wade, vor allem aber die Bänderüberdehnung im Sprunggelenk, die er sich vor einer Woche beim Spiel in Cottbus zugezogen hat, ist hartnäckiger als erwartet. Zuverlässige Diagnosen zum Heilungsverlauf sind nur schwer zu treffen. Bastürk wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch am Mittwoch, im Spiel bei Arminia Bielefeld, fehlen.

Die Spielmacherposition ist nicht die einzige, die Götz heute neu bestücken muss. Aus der gewohnten Mittelfeldbesetzung fällt auch Pal Dardai aus – ein ebenfalls gravierender Verlust. Der Ungar ist seit dieser Saison wieder die erste Option für den Posten vor der Abwehr. Nur einmal hat er gefehlt, beim 2:2 im Uefa-Cup gegen Odense. Prompt fehlten Hertha Ordnung und Stabilität.

Dardais Vertreter war damals Sofian Chahed, der wohl auch heute wieder im defensiven Mittelfeld spielen wird; für Bastürks Rolle bietet sich vor allem Gilberto an. „Er ist in der Lage, die Zehner- Position zu spielen“, sagt Trainer Götz. „Mit seiner Dynamik und Spielintelligenz kann er uns helfen, sowohl in der Torvorbereitung als auch im Abschluss.“ Die Fähigkeiten des Brasilianer sind im direkten Vergleich mit denen seines Landsmanns Marcelinho und des Türken Bastürk immer etwas zu kurz gekommen. Dabei ist Gilberto anders als Marcelinho nicht nur Nationalspieler der stolzen Fußballnation Brasilien, er war im Sommer auch Mitglied des WM-Kaders, wenngleich er nur im bedeutungslosen Gruppenspiel gegen Japan zu einer Art Gnadeneinsatz kam.

Für Götz ist Gilberto ein wichtiger Garant für das attraktive Spiel, das er sehen will. Doch als Bastürk vor kurzem fünf Wochen fehlte, fiel im selben Zeitraum auch der Brasilianer aus. Erst am vergangenen Wochenende kehrte der Brasilianer in die Mannschaft zurück, eine halbe Stunde stand er in Cottbus auf dem Platz, heute gegen Nürnberg „sollten 60 Minuten das Minimum sein“, sagt Götz. „Vielleicht geht es aber auch länger.“ Für den Fall, dass nicht, durfte sich gestern im Training Ashkan Dejagah aus der U 23 an der Rolle probieren. Als Herthas Kreativpotenzial zuletzt komplett ausfiel, versuchte Götz dies zunächst mit einem System ohne expliziten Spielmacher zu kompensieren, später betraute er Kevin- Prince Boateng mit der Führungsaufgabe. Der 19-Jährige aber war damit überfordert, weniger fachlich als gedanklich. „Kevin war nur Mitspieler“, sagt Götz. „Er muss wieder den Kopf rausstrecken und Akzente setzen.“ Auch wenn der Spielmacher Gilberto heißt.

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