Sport : Neue Nüchternheit

Hertha BSC spielt endlich so, wie es von der Mannschaft erwartet wird – und die Spieler sind obendrein selbstkritisch

André Görke

Berlin. Der Mann wollte einfach nur unter die Dusche. Seit Stunden hatte es in Cottbus geschüttet. Draußen, im Wind, da war es verdammt kalt gewesen auf der Ersatzbank. Als Luizao dann nach dem Abpfiff in die Kabine ging, da wollte er nichts sagen. „Kein Kommentar“, sagte er nur. Sein Arbeitgeber, der Fußball-Bundesligist Hertha BSC, hatte am Samstag auch ohne ihn gewonnen.

Die Dinge haben sich bei Herthas 2:0-Sieg in Cottbus ein wenig verschoben. So langsam ist es nicht mehr die Frage, wann Luizao endlich die Form erreicht, die Trainer Huub Stevens von ihm erwartet. Die Mannschaft ist schließlich auch sehr gut ohne ihn klargekommen. Stevens hatte Alex Alves im Angriff aufgestellt – allein. Mannschaftskapitän Michael Preetz saß ebenfalls nur auf der Ersatzbank. „Ich sehe die Diskussion, wer nun vorn spielt, gelassen“, sagte Manager Dieter Hoeneß später. Luizao werde sich steigern.

Nur: Braucht Hertha einen Mann wie Luizao überhaupt? Alves hat in Cottbus nicht spektakulär gespielt, er hat funktioniert. Dahinter sind mit Roberto Pinto und Marcelinho immer wieder schnelle Leute nachgerückt. Die Taktik ging auf. Wie sieht das Konzept in Zukunft aus? Stevens wird sich nicht festlegen, wie die Mannschaft am kommenden Sonnabend gegen Bayer Leverkusen spielen wird. Vielleicht sitzen Preetz und Luizao wieder auf der Bank. Einer der beiden könnte stürmen. Es ist schließlich ein Heimspiel. Beide zusammen aber – das geht nicht. Das hat Stevens ausgeschlossen. Sie ähneln sich zu sehr vom Spielertyp.

Vielleicht wird Stevens die Mannschaft auch nicht umstellen. Hertha hat in Cottbus endlich so gespielt, wie man es eigentlich erwartet. Sieht man von der ersten Viertelstunde ab, dann hat die Mannschaft einen schwachen Gegner routiniert besiegt. Das war nicht oft so in dieser Saison.

Natürlich waren die Cottbuser anfangs die bessere Mannschaft gewesen, sagt Herthas Abwehrspieler Eyjölfur Sverrisson. „Später aber haben wir weniger Standardsituationen zugelassen. Da waren wir wesentlich konzentrierter.“ Sverrisson drückte sich am Sonnabend ähnlich wie seine Kollegen aus: sehr nüchtern, sehr sachlich. Keiner der Spieler stellte sich nach dem Abpfiff hin, grinste in die Kameras und tönte: „Hey, endlich haben wir Cottbus geschlagen.“ Im Gegenteil. Hertha ging sehr kritisch mit dem Sieg um.

Andreas Neuendorf ist einer der Kandidaten, der gern einen lockeren Spruch loslässt. Am Sonnabend sagte er: „Wir haben es wieder nicht geschafft, gegen so einen Gegner drei oder vier Tore zu schießen. So etwas brauchen wir jetzt einfach mal.“ Hertha hat mit elf Toren in neun Spielen eine nicht gerade Furcht einflößende Torbilanz. In Cottbus wäre ein hoher Sieg Pflicht gewesen, sagte Neuendorf. Denn: „Wenn man ehrlich ist, ist der Klub vom Kader her eine Klasse schlechter als wir.“ Neuendorf meint so etwas nicht arrogant. Sondern realistisch. Hertha musste in Cottbus gewinnen. Es war ganz einfach ein Job. Mehr nicht.

Zwei Punkte Rückstand sind es nun auf den zweiten Tabellenplatz. Die beiden ersten Plätze berechtigen am Saisonende zur Teilnahme an der Champions League. Auch Manager Hoeneß war nicht unbedingt in prächtiger Laune. Er sprach ernst von einem „holprigen Start“. Den Kontakt zur Spitze müsse man nun halten. Und Leverkusen sei noch immer einer jener Klubs, die „direkte Konkurrenten da vorn sind“.

Cottbus war so etwas wie ein Etappenziel gewesen. In dieser Woche werden nun einige verletzte Spieler wieder am Training teilnehmen. Dick van Burik etwa, der Abwehrchef. Oder Stefan Beinlich und Andreas Schmidt. „Wir haben in den vergangenen Wochen eigentlich nur versucht, die Lücken zu schließen“, sagt Hoeneß. „Jetzt kehrt auch das Potenzial zurück.“ Alexander Madlung hat bei seinem ersten Bundesligaspiel in Cottbus gezeigt, dass er taktische Defizite hat, aber sehr wohl mit ihm zu rechnen ist. Als Trainer Stevens nach der Leistung von Pinto gefragt wurde, sagte er nur: „Ich bin zufrieden.“ Stevens schob hinterher: „Vielleicht muss ich als Trainer immer etwas zu kritisieren haben.“ Vielleicht gehört das auch zur neuen Sachlichkeit.

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