Neue Startregeln in der Formel 1 : Erst auf einen Schlag, dann mit Gefühl

Die neuen Startregeln in der Formel 1 sollen die Fahrer wieder wichtiger machen. Was bedeutet das? Und welche Handgriffe macht ein Fahrer beim Start?

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In der Formel 1 ist traditionell vor dem Rennstart immer viel los auf der Rennstrecke.
In der Formel 1 ist traditionell vor dem Rennstart immer viel los auf der Rennstrecke.Foto: dpa

Die entscheidende Phase im Kampf um den Sieg in der Formel 1 ist der Start. Selbst die überlegenen Mercedes-Silberpfeile mussten das zuletzt schmerzlich erfahren. So überlegen Mercedes auch eigentlich die Formel 1 dominiert: Bei den letzten beiden Rennen in England und Ungarn zeigte sich eindeutig, dass die Silberpfeile eine Schwachstelle haben: den Start. Der ging da immer wieder schief, vor allem bei Lewis Hamilton, kostete in Ungarn sogar den Sieg, als Sebastian Vettel zur Stelle war, um aus den Problemen der normalerweise unschlagbaren Konkurrenten Kapital zu schlagen.

Ab dem belgischen Grand Prix an diesem Sonntag in Spa gelten nun neue Regeln für den Start. Die Rolle der Fahrer soll dabei wieder wichtiger, die der Ingenieure geringer werden. Konkret heißt das: Der für einen optimalen Start so wichtige Kupplungsdruckpunkt darf nach dem ersten Verlassen der Boxengasse am Renntag nicht mehr verändert werden,  die automatische Suche nach dem perfekten Kupplungsdruckpunkt ist auch nicht mehr erlaubt. Außerdem wird die Kommunikation zwischen Fahrer und Box in Bezug auf die Startprozedur untersagt.

Lewis Hamilton befürchtet gewaltiges Durcheinander

Speziell bei den Silbernen scheint man jetzt aber auch die neue Lösung nicht besonders zu schätzen, fürchtet, dass die Starts jetzt erst einmal völlig chaotisch und unberechenbar werden. „Grundsätzlich halte ich die Idee, dass der Fahrer beim Start wieder eine größere Rolle spielen soll, immer noch für gut“, sagt Weltmeister Lewis Hamilton. „Aber so, wie die neuen Regeln und die heutige Technik sind, kann das auch zu völlig unberechenbaren Starts, zu gewaltigem Durcheinander führen. Ich glaube, die FIA war sich, als sie das so festgelegt hat, nicht dessen bewusst, wie stark das die Rennen beeinflussen kann.“

Mercedes hat das komplizierteste Kupplungssystem

Klar ist: Wer ganz vorne steht, hat natürlich am meisten zu verlieren. „Außerdem hat Mercedes das mit Abstand komplizierteste Kupplungssystem, das eben nur dann wirklich funktioniert, wenn alles optimal aus- und angesteuert ist“, glaubt RTL-Experte Christian Danner.  Das ist das  Hauptproblem bei dieser Regeländerung mitten in der Saison: Die Kupplungen der heutigen  Formel 1-Autos wurden für eine intelligente Software gebaut, die immer den optimalen  Druckpunkt findet, gleichzeitig reagieren sie sehr empfindlich auch auf kleinere Temperaturschwankungen. Und die treten während eines Wochenendes immer wieder auf. Deshalb wird normalerweise bei fast jedem Boxenstopp der Kupplungsdruckpunkt neu angepasst.

Nico Hülkenberg: "Müssen alle irgendwie damit zurecht kommen"

„Das ist alles sehr kompliziert, manuell  hat man kaum eine Chance, das optimal hinzubekommen“, sagt Force India-Pilot Nico Hülkenberg. Die Ingenieure werden jetzt aus den vorhandenen Trainingsdaten einen Wert für den Sonntag ermitteln, und dann muss man hoffen, dass der einigermaßen passt.“  Für ihn das Kernproblem: „Die heutige Technik ist eigentlich nicht dazu gemacht, rein manuell bedient zu werden. Da stehen sich zwei verschiedene Konzepte gegenüber, die an sich nicht wirklich vereinbar sind.“  Allerdings sieht auch er nicht die ganz großen Dramen: „Es müssen alle irgendwie damit zurecht kommen.“

Der Start in der Formel 1: Erst auf einen Schlag, dann mit Gefühl

Grundsätzlich läuft ein Formel-1-Start ja immer nach dem gleichen Schema ab: „ Ich bin in Neutral, rolle in meine Startbox rein, bleib stehen, schau dann in den Rückspiegel, wie die anderen Autos hinter mir ihre Position einnehmen. Wenn ich sehe, dass so ziemlich der letzte da ist, lege ich den ersten Gang ein. Ich habe meine beiden Kupplungshebel in der Hand, die eine voll gezogen, die andere halb. Wenn die Ampel angeht, das erste Licht leuchtet, gehe ich aufs Gas, warte, bis das Licht ausgeht. Sobald es aus ist, lasse ich die Kupplung los, zuerst die erste komplett, auf einen Schlag, dann die zweite dosiert, mit Gefühl.“ Das Gasgeben und das Loslassen der Kupplung, das seien dabei im übrigen die Punkte, mit denen man dann jetzt versuchen müsse, einen nicht optimalen Druckpunkt etwas zu kompensieren.

Sebastian Vettel glaubt nicht an große Probleme

Auch Sebastian Vettel meint: „Na gut, vielleicht hat der ein oder andere jetzt man einen nicht optimalen Start. Aber an die ganz großen Probleme glaube ich nicht. In der Formel 1 sind doch eine ganze Menge cleverer Leute unterwegs , die werden das schon hinkriegen. Und auch wir Fahrer sollten in der Lage sein, damit zurecht zu kommen. Spätestens in zwei bis drei Rennen hat sich das alles wieder eingespielt.“ Mercedes-Sportchef Toto Wolff glaubt freilich, dass die FIA in Sachen Reglement vielleicht noch einmal nachbessern müsse: „Das ist jetzt der erste Versuch auf dem Weg, die Formel 1 wieder interessanter zu machen, in dem man den Fahrern wieder mehr Verantwortung überträgt, weniger „Fernsteuerung“ von der Box erlaubt.  Aber was passiert, wenn das noch mehr Drama auslöst als erwartet, wenn das zu extremem Chaos  führt? Dann muss man sich das noch einmal anschauen und darauf reagieren. Denn was niemand will, ist eine Situation, in der die Starts für alle völlig unberechenbar werden und in der dann das Qualifying komplett entwertet wird.“

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