Sport : Neue Tore für das Land

Warum die Fifa zur WM die Gehäuse wechseln lässt

Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Die Tore im Berliner Olympiastadion sind 7,32 Meter lang und 2,44 Meter hoch. So schreiben es die internationalen Fußball-Regeln vor. Für die Weltmeisterschaft ist das nicht ausreichend. Wenn am 9. Juni das Turnier angepfiffen wird, werden in allen zwölf Spielstätten neue Tore stehen, auch im Olympiastadion, in dem am 9. Juli das Finale stattfindet. Sie werden 7,32 Meter lang und 2,44 Meter hoch sein, so wie es die internationalen Regeln vorschreiben. Und sie werden sich in keinem Detail voneinander entscheiden. So will es der Welt-Fußballverband Fifa. Darum lässt er gerade neue Tore bauen.

Am 15. Mai, zwei Tage nach Ende der Bundesliga-Rückrunde, werden die fertigen Gehäuse gegen jene der Bundesligisten ausgetauscht. Denn diese unterscheiden sich geringfügig, etwa in der Aufhängung der Netze. „Wir wollten in allen Arenen die exakt gleichen Bedingungen schaffen“, begründet ein Sprecher der Fifa den Aufwand. Damit nichts dem Zufall überlassen bleibt, wird jeweils ein Ersatztor in den Tunnelgängen der Stadien untergebracht. Nach der WM braucht die Fifa die Tore nicht mehr, sie gehen in den Besitz der Bundesligaklubs über, die meisten sollen dann in Museen wandern.

Helmuth Löhr ist der Chef der Firma „Sportgeräte 2000“, die die 36 WM-Tore baut. „Die stehen auf meinem Hof, verriegelt mit einem einfachen Schloss“, berichtet Löhr von seinem Firmensitz in Hildesheim. „Eigentlich könnte sie jeder stehlen.“ Der Spezialauftrag ist für Löhr Routine, einige Dutzend Tore stellt sein Betrieb täglich her. Und falls tatsächlich WM-Tore wegkommen, könne man innerhalb von drei Tagen nachliefern. Ein Tor kostet etwa 1000 Euro, die Fifa zahlt.

Die Stadionbetreiber nehmen das neue Detail des strengen WM-Reglements gelassen hin. „Wir bekommen einen neuen Rasen und neue Trainerbänke. Da wäre es doch ein Wunder, wenn die Fifa bei den Tornetzen eine Ausnahme machen würde“, sagt Peter von Löbbecke, Geschäftsführer des Berliner Olympiastadions. „Man muss sich die WM wie ein großes Konzert vorstellen. Da bringen die Rolling Stones auch ihre Boxen mit.“ Die alten Tore will von Löbbecke auf einem Nebenplatz aufbewahren. „Wir schmeißen ja keine gute Ware weg.“

Als 1971 das Holztor im Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen zusammenbrach, entstand die Idee, Tore aus Aluminium zu fertigen. Die halten 25 Jahre, rosten und oxidieren nicht. Die schwerste Stunde erlebte das Aluminium-Tor 1989 im Spiel zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen. Der Hamburger Ditmar Jakobs fiel mit dem Rücken auf einen kaputten Karabiner-Haken, Nervenbahnen in der Nähe der Wirbelsäule wurden durchtrennt. Jakobs musste seine Karriere beenden, er leidet noch heute unter motorischen Störungen. Der kaputte Haken war Teil einer Befestigungsstange des Torgehäuses. „Wegen dieses Vorfalls legt die Fifa großen Wert darauf, dass das Netz in einen Rahmen am Boden eingelassen ist“, sagt Löhr.

1998 in Madrid hätte selbst ein perfektes Produkt nichts ausrichten können. Vor dem Champions-League-Spiel zwischen Borussia Dortmund und Real Madrid fiel ein Tor um. Das Netz war mit dem Zaun vor dem Fanblock verbunden, den Zaun rissen die Zuschauer um. „Diese Kraft hätte das stärkste Tor nicht ausgehalten“, sagt Löhr. Bis in Madrid ein neues Tor installiert war, dauerte es eineinhalb Stunden. Bei der WM soll es schneller gehen. Deshalb muss bei jedem Spiel ein Mitarbeiter von Löhr im Stadion sein – das hat die Fifa angeordnet.

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