Sport : Neue Union

Der Präsident ist da, dem alten wird „Arroganz“ vorgeworfen

André Görke

Berlin. Nach einer Viertelstunde wurde Jürgen Schlebrowski unruhig, das war ihm deutlich anzusehen, weil er als neuer Präsident des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union schon lange vor den Fernsehkameras saß, aber nicht viel mehr gesagt hatte als „Guten Tag“. „Tschuldigung“, flüsterte Schlebrowski dem Pressesprecher Lars Töffling ins Ohr und tippte dabei mit dem Finger auf die Uhr. „Mein Flugzeug …“ Prompt schritt Töffling ein, beendete elegant die Fragerunde mit Unions Aufsichtsratsvorsitzendem Uwe Rade und sagte: „So, meine Herren, wollen wir mal zu Herrn Schlebrowski kommen.“

Da saß er also, der neue Chef Unions, mit zerzaustem Haar und schickem Nadelstreifenanzug. „Glauben Sie mir: Ich übernehme diesen Job nicht, weil mir langweilig ist.“ Schlebrowski redet deutlich und klar, an diesem Tag mehr von der Aussprache her als vom Inhalt, er schaut seinen Gesprächspartnern in die Augen. Schlebrowski, 54, hat Erfahrung als Führungsperson: In den Neunzigerjahren saß er im Vorstand der Herlitz-Holding, bei Nike im Management, bei der Textilfirma Steilmann war er Geschäftsführer, jetzt arbeitet er in der Medizinbranche für das Unternehmen des Bruders von Herbert Grönemeyer.

Nach der Entmachtung seines Vorgängers Heiner Bertram sei erst mal „Ruhe“ gefragt. „Das Getöse der letzten Tage nützt niemandem.“ Der Trainer des Tabellenletzten also, Mirko Votava, „soll in den nächsten Wochen ruhig weiterarbeiten und uns ein Konzept vorlegen“. Zu den Finanzen könne er sich nicht richtig äußern, „weil mir noch etwas der Überblick fehlt“. Wie stark er sich für den Stadionneubau einsetzen wird, „dazu will ich mich noch nicht äußern“. Und ob er neue Sponsoren mitbringt – „tut mir Leid, aber die Frage kommt noch zu früh“. Schlebrowski redet viel, aber im Endeffekt sagt er doch wenig. Uwe Rade sitzt daneben und lächelt. Geredet wurde eh zu viel in den letzten Tagen.

Bevor Schlebrowski antworten durfte, verlas Rade eine dreiseitige Erklärung des Aufsichtsrats, warum am vergangenen Donnerstag der bisherige Präsident Heiner Bertram nach sechs Jahren Amtszeit entmachtet wurde. Es sei „kein Komplott“, vielmehr sei die Entscheidung in den „letzten Monaten herangereift“. Der Aufsichtsrat wirft Bertram „Defizite in der Menschenführung im Umgang mit den Spielern“, „teilweise überheblich-arrogante Art und Weise ohne jegliche Selbstkritik“ vor, der ehemalige Präsident habe Empfehlungen des Aufsichtsrates ignoriert. Statt ein Sanierungskonzept vorzulegen, habe Bertram das Projekt Stadionneubau an allen Gremien vorbei „im Alleingang“ (Rade) vorangetrieben. Und als dieses wegen der finanziell angespannten Lage Berlins zu scheitern drohte, mit dem Rücktritt gedroht. „Politikern zu drohen ist kein angemessenes Verhalten für einen Repräsentanten“, sagt Rade. Jedenfalls „waren wir auf dem besten Wege, uns zu einem Personenkult-Klub, dem 1. FC Bertram, zu bewegen“. Dieses Kapitel war am Morgen um 9.38 Uhr endgültig beendet. Da wurde Bertram der Entschluss noch einmal mitgeteilt.

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