Neues deutsches Team Giant-Alpecin : Der Radsport kehrt zurück nach Deutschland

Fernsehen, Sponsoren, Etappenorte und ein neuer Rennstall: Der Profiradsport drängt nach Jahren der Krise zurück in den wichtigen deutschen Markt. Das Thema Doping scheint vergessen.

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Neuer Name, alte Bekannte. Für das Vorgängerteam Giant-Shimano gewann Marcel Kittel (rechts) bei der vergangenen Tour de France vier Etappen und trug sogar einmal das Gelbe Trikot.
Neuer Name, alte Bekannte. Für das Vorgängerteam Giant-Shimano gewann Marcel Kittel (rechts) bei der vergangenen Tour de France...Foto: AFP

Eine Renaissance soll es sein. Und welcher Ort in Berlin eignet sich da besser als die Französische Botschaft? Renaissance. Klingt ja schon mal viel romantischer als Wiedergeburt oder Neustart. Im großen Saal des Gebäudes am Pariser Platz ist den Menschen auf der Bühne am Mittwochmorgen noch vor der Tragödie in Paris nach feierlicher Stimmung. Als erster darf der Gastgeber das Mikrofon ergreifen und Philippe Etienne macht das mit der Verve der französischen Stimme. Très charmant. Der französische Botschafter erzählt rund 300 Zuhörern im Auditorium: „Das Fahrrad ist eine Leidenschaft.“ Und es sei ihm eine besondere Ehre, Gastgeber zu sein bei der Taufe eines „internationalen Teams mit deutschem Herzen“. Team Giant-Alpecin heißt es, und Marcel Kittel und John Degenkolb sind seine großen Stars.

Ganz so neu ist das Team nicht. Es entstand 2005 nach einer Fusion des Shimano-Teams mit der niederländischen Mannschaft Bankgiro Loterij. Zuletzt hieß es Giant-Shimano – der zweite Sponsor wurde nun durch den Namen des deutschen Haarpflegeartikels Alpecin ersetzt, Firmensitz des Produzenten, der schon 1905 gegründeten Dr.-Wolff-Gruppe, ist Bielefeld. Für vier Jahre läuft der Vertrag, angeblich investieren die Bielefelder insgesamt 16 Millionen Euro. Das Team fährt fortan unter deutscher Lizenz – vor fünf Jahren hatte sic mit dem Team Milram das letzte deutsche Team aus dem professionellen Radsport verabschiedet.

Dass ein Produkt der Alpecin-Reihe seit Jahren mit dem Slogan „Doping für die Haare“ beworben wird, hat das produzierende Unternehmen natürlich nicht für den Einstieg in den professionellen Radsport qualifiziert. Außerdem waren die Bielefelder schon seit Jahrzehnten, also vor der albernen Doping-Werbung, im Radsport engagiert. Das Thema Doping, das dem Radsport seit Jahren am Hinterrad klebt, ist dann auch zu unerfreulich, als dass es am Mittwoch ausführlich erwähnt wird. Team-Manager Iwan Spekenbrink streift es aber mal kurz und knackig. Der Radsport sei ein „Frontkämpfer“ gegen Doping, behauptet der Niederländer. „Wir haben das beste Anti-Doping-System der Welt.“ Klar, jeder positive Test sei schlecht. „Aber auf eine andere Art ist er auch sehr gut.“ So könne man die schwarzen Schafe aussortieren. Aber: anderes Thema bitte. Die Freude am Radsport will sich am Tag der Teamtaufe keiner kaputtmachen.

Da wird dann schon lieber über Haare gesprochen. Marcel Kittel, achtmaliger Etappensieger bei der Tour de France, ist in dieser Hinsicht besonders gut – ja, aufgestellt. Wegen seiner flotten Tolle bekommt er vom Moderator ein „Du hast die Haare schön“ an den Kopf geworfen. Wie um Himmelswillen schafft er das nur mit dem morgendlichen Styling? Kittel: „Das geht super gut mit Alpecin-Haarpflege. Ruckzuck sind die Haare fertig.“ Hilfe, ein Haardoper? Zum Glück taugt John Degenkolbs Haarpracht weniger als Vorlage für schräge Gedanken. Also wird der Spezialist für Klassiker, gerade Vater geworden und zudem noch Geburtstagskind, schnell von der Bühne geblödelt – auf Englisch. „John Degenkolb announced his fathership and his birthday today“, sagt der Moderator.

Es ist einfach, sich an diesem Tag an der Sponsorenshow zu belustigen. Schwieriger ist es, zum Kern der Sache zu kommen: Denn tatsächlich könnte sich nun Interessantes bewegen in der Wahrnehmung des professionellen Radsports in Deutschland. Die ARD überträgt nach ihrem Rückzug im Jahr 2012 die kommende Tour de France wieder. Der Markt ist trotz aller Dopingskandale eben nicht verschwunden: Die Sehnsucht des deutschen Zuschauers, mit einem deutschen Team mitzufiebern, ist sicherlich nicht durchweg erloschen. Das Gefühl, dass mit dieser Sportart härter ins Gericht gegangen wurde als mit anderen, in denen genauso gedopt wird, ist sicher mehrheitsfähig. Und zum Mitleiden braucht es ein deutsches Team, wie einst das Team Telekom. Es wurde als eine Art radfahrende Nationalmannschaft empfunden, auch wenn da mal Fahrer anderer Nationen voran fuhren.

Aber es geht nicht nur um Gefühle, sondern auch um Geld. Der Radsport braucht die Aufmerksamkeit vom größten Markt in Mitteleuropa. Um das Ereignis in Berlin mit den höchsten Weihen zu versehen, sind sie am Mittwoch auch alle in Berlin erschienen. Tour-de-France-Direktor Christian Prudhomme und Weltverbands-Präsident Brian Cookson ebenfalls. Prudhomme erklärt erfreut, dass sich nach Jahren geringer Nachfrage auch wieder vier deutsche Städte um Tour-Etappen beworben haben.

Der Brite Cookson sieht in der Rückkehr deutscher Geldgeber in die erste Liga eine Bestätigung seiner Politik für mehr Glaubwürdigkeit. Auch Justizminister Heiko Maas und Rudolf Scharping sitzen im Botschaftssaal in der ersten Reihe, der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer verfolgt die Show interessiert.

Vorgestellt wird am Mittwoch ebenfalls das Frauenteam Liv-Plantur, auch hier ist die Dr.-Wolff-Gruppe eingestiegen. Allerdings nicht mit Alpecin, sondern einer Marke für Frauenhaar. Das Team um den gut frisierten Vorfahrer Kittel startet derweil am 18. Januar bei einem Kriterium in Adelaide in die Mission Renaissance auf der Straße. Die Haare werden leider dabei nicht zu sehen sein, sie verschwinden unter den neuen Helmen des Team-Sponsors Giant.

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