Sport : Neues Wir-Gefühl

Borussia Dortmund entdeckt nach dem Unentschieden von Duisburg längst verloren geglaubte Tugenden

Felix Meininghaus[Duisburg]

Diego Klimowicz war auf dem Weg in die Umkleidekabine des Duisburger Stadions. Da pirschte sich sein Trainer an ihn heran. Thomas Doll drückte den Argentinier fest. Nun ist es für einen Verein wie Borussia Dortmund wahrlich kein epochaler Erfolg, wenn er beim Tabellenletzten unentschieden spielt. Und doch war das 3:3 vor 29 100 Zuschauern beim MSV Duisburg für den BVB ein gefühlter Sieg. Und Klimowicz war der gefühlte Matchwinner.

Dem Stürmer waren nach seiner Einwechslung zwei Tore gelungen, in der dritten Minute der Nachspielzeit hatte er für die Dortmunder noch einen Punkt gesichert, an den nach einer Stunde niemand mehr ernsthaft glauben konnte. Auch nach der ersten Partie der Rückrunde wissen sie im Lager des BVB nicht, wo sie tatsächlich stehen. Vier Tage nach dem Pokalsieg gegen Werder Bremen lag die Mannschaft, fern aller Inspiration, nach Treffern von Filipescu und Willi bereits mit 0:2 hinten. „Da waren wir nicht wach genug“, monierte Doll. Auf das 1:2 durch Sebastian Kehl folgte mit dem 1:3 per Elfmeter von Mihai Tarache der nächste Rückschlag. Spätestens da schien die Partie gelaufen. Doch im Gegensatz zu so vielen Begegnungen, bei denen sich der BVB willenlos in sein Schicksal ergeben hatte, kämpfte die Mannschaft dieses Mal mit großem Engagement und wurde belohnt.

Welche Komponenten für den Teilerfolg benötigt wurden, berichtete Torhüter Marc Ziegler: „Mit Glück und noch viel mehr Arbeit ist es uns gelungen, das Spiel noch zu kippen.“ Es war ein Remis, das aus moralischen Erwägungen zur Kategorie besonders wertvoll zählt. Schließlich muss Doll im Revier mit dem Makel leben, er schaffe es nicht, seine Spieler bei der Ehre zu packen. In Duisburg bewies der BVB mit dem Sturmlauf der zweiten Halbzeit, dass es auch anders geht. Mithin durfte sich auch der mit einem neuen Zweijahresvertrag ausgestattete Trainer als Gewinner fühlen: „Heute war die Leidenschaft zu sehen, die man vor allem auswärts braucht, um sich zu behaupten.“ Doll sagte es mit Nachdruck, allzu oft hat er es in seiner Dortmunder Zeit nicht erlebt, dass er seine Spieler für ihre Einstellung loben durfte.

In Duisburg machte Doll seiner Mannschaft „ein Riesenkompliment, weil sie bis zum Ende daran geglaubt hat, das Spiel noch drehen zu können“. Vielleicht ist ja in der Kabine der Duisburger Arena ein neues Wir-Gefühl entstanden, von dem der BVB in dieser Saison noch profitieren könnte. Nationalspieler Sebastian Kehl, der in den zweiten 45 Minuten mit großer Laufbereitschaft voranschritt, berichtete, wie sich die Krisensitzung abgespielt hatte: „Wir haben uns gesagt, wir wollen das so nicht stehen lassen. Wir wollten unbedingt da rausgehen und das Spiel noch umbiegen.“

Und weil das in Duisburg eindrucksvoll gelungen ist, hoffen sie beim Champions-League-Gewinner von 1997 auf den lang erwarteten Aufschwung. Kehl gab nach dem Ende des kleinen Revierderbys schon mal einen Ausblick auf eine Partie, die in der Dortmunder Wertigkeitsskala noch wesentlich weiter oben steht: „So, wie wir in der zweiten Halbzeit gespielt haben, müssen wir nächsten Sonntag auch gegen Schalke auftreten.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben