Sport : Neunzig Minuten Hass

Die religiöse Rivalität in Schottland nimmt langsam ab – nur beim Glasgower Derby nicht

Thomas Jaedicke David Sharp[Glasgow]
Feinde fürs Leben. In Glasgow halten die Protestanten zu den Rangers (links), die Katholiken zu Celtic (rechts). Foto: AFP
Feinde fürs Leben. In Glasgow halten die Protestanten zu den Rangers (links), die Katholiken zu Celtic (rechts). Foto: AFPFoto: AFP

Es ist eine schottische Tradition. Seit Jahrzehnten wird das neue Jahr mit dem Glasgower Derby eröffnet. Und jedes Jahr sind es die gleichen Bilder. Die U-Bahn nach Ibrox wird am Sonntag voller verschwitzter und betrunkener Rangers-Fans sein, die grölend und stampfend eine Auswahl ihrer aggressivsten Songs zum Besten geben. „We’re up to our knees in Fenian (Catholic) blood, surrender or you’ll die“, werden sie singen. Und: „Fuck the Pope and the Vatican.“ Zur selben Zeit wird sich auch der Anhang des ewigen Rangers-Rivalen Celtic auf den Weg machen. Väter und Söhne, ganz in Grün-Weiß gekleidet, lassen dann die Scheiben der Fanbusse mit ihren Gesängen erzittern. In Liedern wie „The Boys of the Old Brigade“ wird die IRA verherrlicht.

Das „Old Firm“ in Glasgow ist das älteste Klubderby der Welt. Schon bald nach ihrer Gründung gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Rangers und Celtic zu den beiden erfolgreichsten Teams in Schottland. Nach dem Ersten Weltkrieg verschärfte sich ihre Rivalität durch die sozialen Spannungen zwischen der protestantischen Arbeiterklasse in West-Schottland und den katholischen Einwanderern aus Irland. Die religiösen Gegensätze verhalfen beiden Vereinen zu ihren großen Fangemeinden. Ihren Reichtum und ihre Dominanz verdanken Rangers und Celtic bis heute der Religion.

Das „Old Firm“ steht auch emblematisch für die religiöse Intoleranz in Schottland. Immer wieder haben Politiker und Kirchenvertreter die Fans dazu aufgerufen, die Schmähgesänge zu unterlassen. In den vergangenen Jahren hat sich die Situation etwas gebessert, verschwunden sind die Lieder aber nicht. „Scotland’s secret shame“ wird das Derby auch genannt. Außer beim Fußball haben Hass und Rivalität zwischen Protestanten und Katholiken zuletzt in Schottland kaum noch eine Rolle gespielt. Vor 30, 40 Jahren war das anders. Zwar wurden die Katholiken, von denen die meisten in Glasgow leben, nicht in dem Maße diskriminiert wie in Nordirland, dennoch war ihnen der Zugang zu guten Jobs oft verwehrt. Heute ist die religiös motivierte Diskriminierung stark zurückgegangen. Nur beim Fußball, in der aufgeladenen Atmosphäre, im Hexenkessel des „Old Firm“, flammt der alte Hass wieder auf. Der frühere Rangers-Präsident David Murray charakterisierte den Zuschauer beim „Old Firm“ einst als „90-minute bigot“, als Fanatiker für 90 Minuten. Im Alltag arbeiten Protestanten und Katholiken dann wieder ganz normal zusammen und gehen gemeinsam aus.

Der Derbyhass ist ein Import aus Irland. Als die Rangers 1873 von vier Studenten gegründet wurden, spielten religiöse Zugehörigkeiten keine Rolle. 15 Jahre später gründete ein katholischer Priester den Celtic FC, als Anlaufstelle für die verarmten irischen Einwanderer im Glasgower Osten. Obwohl von Anfang an untrennbar mit Katholizismus und irischen Interessen verbunden, nahm der Klub auch Andersgläubige auf. Celtics erster Torschütze war sogar Mitglied der evangelischen Nationalkirche Schottlands.

Die Rivalität der Klubs auf dem Feld wuchs durch die religiösen Spannungen. Rangers und Celtic wurden zu populären Symbolen der schottischen Religionsgemeinschaften. Schon 1904 ersann ein Karikaturist den Namen „The Old Firm“, etwa „das alte Beständige“.

In beiden Klubkulturen war die Diskriminierung bald tief verwurzelt, ja selbstverständlich. Jock Stein, Celtics erster protestantischer Manager, wurde zu einer Legende, als er seinen Klub 1967 zum ersten britischen Europacupsieg führte. Die Rangers taten sich dagegen schwerer, ihren religiösen Fanatismus zu überwinden. Zwischen 1919 und 1989 nahmen sie keinen katholischen Spieler unter Vertrag. In den achtziger Jahren wuchs die öffentliche Kritik am Verhalten des protestantischen Vereins, der manchen fast wie eine Sekte vorkam. Doch die Rangers blieben stur.

„Sie können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie demütigend es ist, in einer Stadt aufzuwachsen, wo es einen großen, populären Verein wie die Rangers gibt, der sich einfach weigert, Katholiken zu beschäftigen“, umreißt der katholische Celtic-Fan Paul Brennan das gesellschaftliche Klima jener Zeit. Der 43-Jährige betreibt seit fünf Jahren den in der Fanszene viel beachteten Blog „Celtic Quick News“.

Wegen des überbordenden Fanatismus verzichtete 1983 sogar Alex Ferguson darauf, als Manager bei den Rangers anzuheuern. Selbst Ferguson, ganz in der Nähe von Ibrox geboren und langjähriger Rangers-Spieler, wollte nichts mehr mit seinem Klub zu tun haben, solange dieser weiter Katholiken ausgrenzte.

Am 10. Juli 1989 schließlich unterschrieb Maurice Johnston bei den Rangers. Ein Katholik – und ehemaliger Celtic-Spieler. In beiden Lagern gab es wütende Prosteste. Die Rangers-Fans entschieden sich schließlich, Johnston eine Chance zu geben – und wurden nicht enttäuscht. Johnston traf 46 Mal in 100 Spielen und verhalf den Rangers so zu zwei Meistertiteln. Unvermeidlich fast, dass er auch in einem „Old Firm“ das Siegtor gegen seine alten Mitspieler schoss. Seitdem haben sich die Rangers weiter geöffnet und zahlreiche Nicht-Protestanten unter Vertrag genommen.

Die beiden Klubs nähern sich an und haben sogar Kampagnen gegen religiöse Gewalt gestartet. „Sense Over Sectarianism“ heißt eine von ihnen. Trotzdem bleibt das Thema brisant. Kürzlich musste der frühere Fifa-Schiedsrichter Hugh Dallas seinen Posten als Chef der Schiedsrichterausbildung räumen – auf Druck der katholischen Kirche. Während des Papstbesuchs hatte Dallas eine Mail mit einem Witz über den katholischen Missbrauchsskandal an Freunde weitergeleitet.

Auch wegen der Religionsfrage wird die Rivalität zwischen Rangers und Celtic andauern. „Ich hasse es, nach Ibrox zu gehen“, sagt Brennan. „Die ganze Zeit müssen wir uns die Schmähgesänge anhören. Und auf der ganzen Welt gibt es keinen Ort, an dem sich die Rangers fremder fühlen als bei uns im Celtic Park.“

„Celtic-Fans sind einfach paranoid“, sagt Simon Leslie, 35 Jahre alter Rangers-Fan. „Sie glauben, dass sich die ganze Welt gegen sie verschworen hat, nur weil sie Katholiken sind. Das ist doch total irre. Neunzig Minuten Hass. Das wird sich nie ändern. Niemals.“

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