Sport : Nicht mehr belächelt

Renate Lingor lehnt Vergleiche mit Männerfußball ab – und freut sich über die Entwicklung ihres Sports

Helen Ruwald

Berlin - Niemals würde Renate Lingor auf die Idee kommen, sich mit Michael Ballack zu vergleichen. Lingor, 31, ist Spielmacherin der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Weltmeisterin und wurde 2006 für die Wahl zur Weltfußballerin des Jahres nominiert. Ballack, 30, ist Kapitän und Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft, WM-Dritter und war 2005 einer der Kandidaten für den Weltfußballer. Doch ein Vergleich ist unzulässig, findet Renate Lingor, die gestern mit dem 1. FFC Frankfurt den DFB-Pokal gewann und beim Finalsieg gegen den FCR Duisburg das Führungstor erzielte.

„Wir betreiben eine andere Sportart“, sagt Renate Lingor. „Wir werden nie die Athletik haben wie Männer und brauchen mehr Stationen, um nach vorne zu kommen.“ Frauenfußball sei anders; das Spiel ist mehr von Technik geprägt. Die begeisterte Männerfußball-Schauerin Lingor hat überhaupt kein Problem damit, dass die Männer im DFB-Pokalfinale mehr Beachtung finden – sowohl im Olympiastadion als auch bei der Pressekonferenz am Vortag. „Das haben sie sich schließlich über Jahrzehnte, ja, man muss schon fast sagen, über Jahrhunderte hinweg erarbeitet“, sagt Lingor.

Und schließlich hat sich im Frauenfußball viel getan. ARD und ZDF übertragen die Länderspiele der Deutschen live, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bewirbt sich um die WM 2011, und die Zahl kickender Mädchen steigt rasant. 2004 nahmen 3400 Mädchenteams am Spielbetrieb teil, Ende 2006 waren es 6267. „Immer mehr Eltern finden, dass Fußball ein akzeptabler Sport für ihre Tochter ist“, erzählt Lingor, die beim DFB eine Teilzeitstelle hat und sich dort um eine Schulfußball-Initiative kümmert.

1995 bestritt sie ihr erstes Länderspiel. An Fans, die kamen, um die Frauen zu verspotten, kann sie sich nicht erinnern. Schon damals hatte die Nationalmannschaft drei EM-Titel gewonnen und sich einen gewissen Respekt erarbeitet. Es war ein langer Weg. 1930 gründete die inzwischen verstorbene Lotte Specht in Frankfurt den 1. Deutschen Damenfußballclub. „Wir wurden mit Kieselsteinen beworfen“, erinnerte sich Lotte Specht 2001, die Zeitungen schrieben empört von lesbischen Weibern, der DFB lehnte die Aufnahme des Klubs ab. Von 1955 bis 1970 war Frauenfußball in Deutschland offiziell verboten, danach durften die Frauen zunächst nur von März bis Oktober spielen und keine Stollenschuhe tragen.

So extrem waren die Erfahrungen der heutigen Bundestrainerin Silvia Neid nicht, doch sie hat noch ganz anderes erlebt als Renate Lingor. Neid stand am 10. November 1982 beim ersten Länderspiel der Nationalmannschaft auf dem Feld. „Die Zuschauer wollten schöne Frauen sehen, den Trikottausch oder mal gucken, wie dick wir sind“, erzählte Neid. 1989 sah alles schon anders aus: Das EM-Finale in Osnabrück, das Deutschland 4:1 gegen Norwegen gewann, begann mit Verspätung, weil „noch Tausende vor den Toren standen“, wie Neid berichtete. Nach dem WM-Sieg 2003 in den USA empfingen 10 000 Menschen das Team am Frankfurter Römer, wo auch die männlichen Kollegen oft nach Erfolgen gefeiert werden.

„Wir werden nicht mehr so belächelt“, weiß Lingor. Was auch heißt, dass es nach wie vor Kritiker gibt, „aber das sind meistens die, die noch nie bei einem hochklassigen Frauenspiel waren“. Das Nationalteam ist ein hochprofessionelles Gebilde, in der Bundesliga hingegen gibt es eklatante Unterschiede zwischen provinziell und professionell geführten Klubs. Es gibt Spiele zum Hin-, aber auch viele zum Wegschauen, häufig nur vor wenigen hundert Zuschauern.

Viele Nationalspielerinnen üben keinen Vollzeitjob aus. Sie studieren, haben Teilzeitjobs oder gehören wie Potsdams Conny Pohlers einer Sportfördergruppe der Bundeswehr an. Vor allem die Spielerinnen des 1. FFC Frankfurt, des mit Abstand professionellsten Klubs, profitieren von eigenen Sponsorenverträgen. „Man kann davon leben, aber nichts weglegen“, sagt Renate Lingor. Auch ein Unterschied zu Michael Ballack.

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