Niedersachsen-Derby : Hannover vs. Braunschweig: Schweinereien unter Nachbarn

Im Niedersachsen-Derby entlädt sich die historische Rivalität zwischen Hannover und Braunschweig – die Angst vor Krawallen ist auch vor dem Bundesliga-Duell am Freitagabend groß.

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Verdammt lang her. Beim Bundesliga-Duell 1967 gewann Hannover 96 bei Eintracht Braunschweig 1:0. Foto: Imago
Verdammt lang her. Beim Bundesliga-Duell 1967 gewann Hannover 96 bei Eintracht Braunschweig 1:0.Foto: Imago

Ziellos irrte am Donnerstag ein Schwein durch Hannover. Es trug einen 96-Schal um den Hals und wäre beinahe überfahren worden. Eine Autofahrerin habe bremsen müssen, als das Tier in der Oststadt auf die Straße lief, sagte ein Polizeisprecher. Unbekannte Täter hatten mit schwarzer Farbe das 96-Logo auf die linke Seite des Schweins gepinselt, auf der rechten Seite war die Ziffer 1 zu sehen. Möglicherweise ist dies eine Anspielung auf den früheren Hannover-Torhüter Robert Enke, der sich das Leben nahm und dessen Todestag sich am Sonntag zum vierten Mal jährt. „Sollte sich die Eins auf Enke beziehen, wäre dies eine unglaubliche Geschmacklosigkeit“, sagte der Polizeisprecher.

Hannover hatte Derartiges schon geahnt. Um Verunglimpfungen Enkes in der hitzigen Derby-Atmosphäre zu verhindern, hatte der Verein den Antrag gestellt, das Spiel früher auszutragen. So kommt es bereits am Freitag zum ersten Bundesliga-Derby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig (20.30 Uhr/live bei Sky) seit 37 Jahren. Die Rivalität der Klubs ist so groß, dass die Aufregung vorab enorm ist und die Polizei mit dem Schlimmsten rechnet. 1000 Einsatzkräfte und 700 Ordner sind bei einer Flutlichtpartie im Einsatz, der große Angst vor Krawallen vorausgeht.

Vereinsvertreter, Politiker und Polizisten mahnen seit Tagen zur Vernunft und bescheren dem Derby mit ihrer PR-Offensive nur noch immer größere Aufmerksamkeit. Die drastische Einschätzung des zuständigen Polizeieinsatzleiters Guido von Cyrson, dass mit Problemen gerechnet werden müsse, mag ehrlich formuliert sein. Aber sie schürt auch die Furcht vor einem Abend, zu dem rund 850 als gewaltbereit eingestufte Hooligans erwartet werden.

Es gibt Bücher, Examensarbeiten und seltsame Mythen darüber, warum sich Hannover und Braunschweig im Allgemeinen und die führenden Fußballvereine der beiden Städte im Besonderen eigentlich so spinnefeind sind. Im Laufe der Jahrhunderte hat die einst so mächtige Stadt Braunschweig immer mehr an Bedeutung verloren, während Hannover aufblühte und als Landeshauptstadt, Messe-Hochburg sowie im Jahr 2000 sogar als Expo-Gastgeber in den niedersächsischen Vordergrund drängte. Andererseits war Eintracht Braunschweig 1963 die große Ehre zuteil geworden, zu den Gründungsmitgliedern der Fußball-Bundesliga zu gehören, während Hannover 96 nicht berücksichtigt wurde. Um die Unterschiede abzurunden, stand die Eintracht vor sechs Jahren kurz vor dem finanziellen Ruin, während der ungeliebte Nachbar in der Bundesliga und Europa League für Furore sorgte. „Zehn Jahre weniger Erfolg – dass man da auch Komplexe hat, ist doch klar“, findet Sebastian Ebel, der besonnene Präsident von Eintracht Braunschweig.

Beim Tabellenletzten in Braunschweig, der vehement gegen den Abstieg kämpft, stuft so mancher Anhänger einen Sieg im Niedersachsen-Derby als wichtiger als den Klassenerhalt ein. „Man muss aber nicht nur auf die Fans gucken, sondern auch auf den Platz und an die Seitenlinie“, sagt der hannoversche Soziologe Gunter A. Pilz, der sich bundesweit als Fan- und Gewaltforscher einen Namen gemacht hat.

Provokation? Unbekannte bemalten ein Schwein mit dem 96-Wappen. Foto: dpa
Provokation? Unbekannte bemalten ein Schwein mit dem 96-Wappen.Foto: dpa

Vor allem 96-Trainer Mirko Slomka ist zuletzt, weil er sich mit so mancher Schiedsrichterentscheidung nicht abfinden konnte und gereizt reagiert hatte, die nötige Ruhe und Vorbildfunktion abgesprochen worden. Nach fünf Begegnungen ohne Sieg kann sich Slomka aber gegen den Erzrivalen aus Braunschweig keinen Ausrutscher erlauben. Der VfL Wolfsburg hat gerade erst erlebt, was es bedeutet, gegen den kleinen, aufmüpfigen Nachbarn namens Eintracht daheim zu verlieren. Seine Fans waren tief betroffen und kaum zu beruhigen. In Hannover waren die im freien Verkauf erhältlichen Eintrittskarten für das mit 47 200 Zuschauern ausverkaufte Heimspiel gegen Braunschweig innerhalb von 45 Minuten vergeben. Nach Angaben von Stadionchef Thorsten Meyer hätten 80 000 Tickets verkauft werden können.

Dass es eigentlich nur um ein Duell zwischen dem formschwachen Tabellenelften und dem Schlusslicht der Bundesliga geht, gerät angesichts der enormen Brisanz völlig in Vergessenheit.

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