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Der FC Bayern rückt dem Double nahe, doch keiner schaut hin – nur Oliver Kahns Seitensprung interessiert

Oliver Trust

München . Viele wären ihm am liebsten zu Hilfe geeilt. Als Letzter trottete Oliver Kahn aus der Kabine. Er schleppte sich mehr voran als zu gehen. Scheinbar quälend lang kamen ihm die 15 Sekunden vor, die er für die 20 Meter durch den Kabinengang brauchte. Er humpelte und schien nach jedem Meter aufs Neue die Wand als Stütze zu suchen. Er trug ein rotes Sweatshirt, eine blaue Trainingshose und hatte eine blaue Plastiktüte in der Hand. Auf seinen Schultern schien die ganze Last der Münchner Medienwirklichkeit und der bleischweren bundesweiten Schlagzeilen zu lasten. Bei den Bayern ist selbst ein Pokalhalbfinale gegen Bayer Leverkusen und ein 3:1-Sieg sowie der Einzug ins Finale gegen den 1. FC Kaiserslautern am 31. Mai zu kleinen Randspalten verkommen – wegen Kahn und seiner Affäre mit einer 21 Jahren alten Bardame, während seine Frau Simone das zweite Kind erwartet.

Sie sind vieles gewohnt bei dem Verein, den sie einst „FC Hollywood“ tauften. Kahn aber „wird hingestellt wie ein Schwerverbrecher. Es ist dramatisch, wie sich die Lage zuspitzt“, klagte Trainer Ottmar Hitzfeld, „auf Dauer hält das keiner durch“.

Seit Tagen verfolgen die Reporter Kahn, und nicht nur Uli Hoeneß wirft die Frage auf, ob da nicht eine Treibjagd stattfindet. „Star hin oder her, er ist immer noch ein Mensch. Es kann nicht sein, dass Wohnung, Haus, Krankenhaus und Kahn Tag und Nacht von Fotografen beschattet werden“, sagte Bayerns Manager und berief am Tag nach dem Duell mit Leverkusen eine Pressekonferenz ein. „Ich spüre, dass das Oliver Kahn zunehmend belasten wird“, sagte Hoeneß.

Der Torwart selbst fühlt sich als gehetztes Freiwild. „Ich werde auf eine Stufe mit Mördern und Vergewaltigern gestellt“, sagt er. Jede Minute seines Tagesablaufs stehe in den Zeitungen.

Tatsächlich liefern sich die Zeitungen in der bayerischen Landeshauptstadt offenbar eine Schlacht um immer neue Facetten des Themas. Nachdem „Bild“ der Ex-Frau von Lothar Matthäus Platz für Ratschläge an die betrogene Frau Kahn geboten hatte, grub die „tz“ eine Zeugin aus, die mit Kahn schon früher ein Verhältnis gehabt haben will. Insider wollen wissen, einige in der Mannschaft seien nicht unglücklich, dass es endlich ihn erwischt habe. Kahn habe das Nachtleben in Münchens Schickeria seit einiger Zeit ausgiebig genossen. Zudem steht geschrieben, dass Kahns Vater Rolf derweil für die Schwiegertochter einkaufen geht und Sohn Oliver die Enkeltochter zur Sicherheit in die alte Heimat nach Karlsruhe zu den Großeltern fährt. Erboste Mitbürgerinnen werden befragt und lassen kein gutes Haar am „Betrüger Kahn“.

Mittendrin schwankt Oliver Kahn zwischen Geständnissen („Es gibt eine andere Frau in meinem Leben“) und Verzweiflung. „Ich wollte immer möglichst perfekt funktionieren, das war ein Irrglaube“, sagte er. Und der Mann, der als „Werbezugpferd“ und leuchtendes Sportvorbild Millionen verdient, zweifelt: „Diese Beliebtheit, das sind doch flüchtige Dinge. Ich denke das, was ich verkörpere – Wille und Ehrgeiz – das kann nicht verkehrt sein für die jungen Leute“. Seit 20 Jahren kämpfe er gegen die Angst, nicht der Beste zu sein. Manche glauben, Kahns Psyche habe sich nun außerhalb des Platzes einen Weg gesucht, um mit dem Druck umzugehen.

Kahns Arbeitgeber steht in jedem Fall voll hinter ihm. Weiterhin werde sich der FC Bayern „mit aller Macht gegen das stemmen, was die Boulevardzeitungen veranstalten. Wir schauen genau hin“, sagt Uli Hoeneß. Noch wortkarger fordert Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, „endlich damit aufzuhören“. Die Lawine aber rollt.

Trainer Hitzfeld glaubt jedoch, nachdem er „viele sehr gute Gespräche“ mit ihm hatte, dass Kahn „viel Kraft hat. Wir werden ihm helfen, wir wollen sportliche Schlagzeilen liefern“. Und Uli Hoeneß meint: „Was hier abläuft, ist pervers. Wir werden unseren Torwart schützen.“ Den Rest muss Oliver Kahn selbst bewältigen. Allein. Als Star auf der Bühne. Und als Privatmensch.

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