Sport : Noch ist Eiskunstläufer Stefan Lindemann wenig bekannt

Ernst Podeswa

Wie haben Sie die Absage von Titelverteidiger Andrejs Vlascenko aufgenommen?- "Na, eigentlich ganz locker." Aber Sie sind nun mit einem Schlag der Favorit?- "Das besagt gar nichts. Die anderen können auch laufen. Für mich kommt es darauf an, mein Programm sauber zu präsentieren."

Es ist die Unbekümmertheit der Jugend, die aus den Antworten von Stefan Lindemann spricht. Wenn der 19-Jährige bei den 98. Deutschen Meisterschaften im Eiskunstlaufen im Erika-Heß-Stadion heute bei der Kür ab 12 Uhr gut über die fünf Minuten kommt, dann könnte kaum noch etwas schief gehen: Erster Meistertitel für den Erfurter, erste Krone für Thüringen - bislang ein weißer Fleck in der Meisterschaftslandschaft.

Nicht nur für die sportinteressierte Öffentlichkeit ist Stefan Lindemann noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Auch im Munzinger-Archiv, unverzichtbares Requisit jeder Sportredaktion, existiert keine Notiz über die größte Hoffnung der Deutschen Eislauf-Union (DEU) bei den Herren. Das wird sich gewiss nach der heutigen Meisterschafts-Entscheidung ändern - falls der Schützling von Trainerin Ilona Schindler seine Nerven im Zaum halten kann.

Das Gespann Schindler/Lindemann ist ein Spätprodukt des DDR-Leistungssports. Die junge DHfK-Absolventin Schindler (nun 40) wurde Mitte der 80er Jahre nach Erfurt delegiert, um dort das Mauerblümchen Eiskunstlauf entwickeln zu helfen. Einer der ersten in ihrer Anfängergruppe war 1986 der sechsjährige Stefan. Später, auf der Kinder- und Jugend-Sportschule, fiel dessen allgemein-sportliches Talent so auf, dass auch die Leichtathleten (für den Sprint) und die Fußballer des RC Rot-Weiß um den Burschen warben. Doch Stefan blieb auf Frau Schindlers Liste, wurde sorgsam aufgebaut. Im Vorjahr wurde er - krankheitsbedingt - 14. der Junioren-WM, lag aber in Oberstdorf beim nationalen Titelkampf nach dem Kurzprogramm noch auf Rang eins vor Vlascenko. Als er im Dezember beim Grand-Prix-Finale der weltbesten Junioren nur einem Chinesen den Vortritt lassen musste, erklärte die erfolgreichste Eiskunstläuferin aller Zeiten, Katarina Witt: "Der Junge ist ein Lichtblick in der deutschen Kunstlauf-Herrenszene."

Weil der Abiturient, nur 1,61 m groß, aber ungemein sprungkräftig, den Einstiegssprung in die internationale Spitze, den dreifachen Axel, im Gegensatz zu Vlascenko beherrscht. Und kurz davor ist, den Vierfach-Toeloop wettkampfreif darzubieten. "Wir sind drauf und dran, diese Nuss zu knacken", so jedenfalls die Trainerin.

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