Sport : Null Toleranz

Sprinter Ostwald darf bei den Olympischen Spielen über 100 m nicht starten

Frank Bachner

Berlin - Ronny Ostwald war gerade beim Arzt. Er hatte Schmerzen im Oberschenkel, aber der Arzt winkte ab. Nichts gerissen, nichts verletzt. Uwe Hakus, der Bundestrainer der deutschen Sprinter hatte Ostwald bei der Visite begleitet, jetzt sagt er: „Er ist gesund, das ist für Ronny jetzt das Wichtigste.“ Und das andere Thema? „Das hat er nach der ersten Enttäuschung abgehakt.“ Wie Hakus auch.

Das andere Thema: Ronny Ostwald, der Deutsche Meister über 100 m, darf in Athen nicht über diese Strecke im Einzel-Rennen sprinten. Er war bei den Titelkämpfen 10,211 Sekunden gelaufen. Eine Tausendstelsekunde über der Norm von 10,210 Sekunden. Das Wettkampfgericht rundete auf: 10,22 Sekunden, zu langsam.

Heute Abend wird in der Zentrale des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) beschlossen, wer für Athen vorgeschlagen wird. Das Nationale Olympische Komitee (NOK) hat dann das letzte Wort. Ostwald wird definitiv nicht vorgeschlagen, jedenfalls nicht für ein Einzelrennen. Trotz der Tausendstelsekunde.

„So eine Entscheidung schmerzt unheimlich“, sagt der Mensch Rüdiger Nickel. „Es ist sehr bitter, wegen einer Tausendstelsekunde eine Teilnahme zu verpassen.“ Der Funktionär Nickel, der Mann, der beim DLV für Leistungssport zuständig ist, sagt: „Die Entscheidung, auf 10,22 Sekunden aufzurunden, ist regelgerecht. Eine Tausendstelsekunde drüber ist halt eine Tausendstel drüber.“ Er war erst nicht überzeugt, dass Oswald wirklich diesen Sekundenbruchteil zu langsam war. Das Zielfoto war nicht scharf genug. Deshalb marschierte er zu den Juroren und ließ diese nochmal exakt auswerten. „Da hatte man die Bilder auf einem Fernsehschirm in hundertfacher Vergrößerung. Die Messlinie haben die Wettkampfrichter dann genau bei 10,210 Sekunden angelegt. Und dann hat man geschaut, ob man Luft zwischen dem Beginn von Ostwalds Oberkörper und der Linie sieht.“ Und? „Man hat Luft gesehen. Er hat den nächsten Zeitsprung angekratzt. Deshalb ist die Entscheidung, aufzurunden, regelgerecht.“ Spielraum für eine andere Entscheidung bei so einem Härtefall? „Null.“ Und dass schon bei einer Tausendstelsekunde mehr aufgerundet wird, das ist halt die „Regel des Weltverbands“ (Nickel). Dagegen kann man nichts machen.

Nickel hält es sogar für möglich, dass Ostwald überhaupt nicht nach Athen darf. Auch nicht in der Staffel. Die 16 besten Staffeln der Weltrangliste sind für Athen nominiert. Deutschland liegt auf Platz 15. Bis zum 21. Juli haben Staffeln noch die Chance, sich für Athen zu qualifizieren. Was ist, wenn Russland und die Ukraine in den nächsten Tagen noch schneller laufen als die Deutschen und sich hocharbeiten auf der Rangliste? Nickel schließt nichts aus.

Uwe Hakus schließt fast alles aus. Die Ukraine und Russland sind nämlich vor wenigen Tagen gelaufen. Ergebnis: Die Ukraine rannte nach 38,91 Sekunden durchs Ziel, Russland benötigte sogar 39,16 Sekunden. „Unsere Saisonbestzeit aber liegt bei 38,76 Sekunden“, sagt Hakus. Am Samstag läuft die deutsche Staffel noch in Madrid. „Wenn wir da 38,8 Sekunden laufen, sind wir wohl durch“, sagt Hakus. Dann wäre Ostwald in Athen. Und Nickel blieben ein paar unangenehme Momente erspart. Denn „wenn Ostwald überhaupt nicht nach Athen dürfte, würde mich das schon fürchterlich schmerzen“.

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