Sport : Nur die Narren wollen ewig siegen

Der abstiegsgefährdete FC Energie Cottbus nimmt das 0:2 gegen den FC Bayern leicht – und feiert mit der Stadt Karneval

Karsten Doneck,André Görke

Von Karsten Doneck

und André Görke

Cottbus. Der Alltag kehrte nicht gleich wieder ein. Aber schließlich ist ja auch nicht das ganze Jahr über Karnevalszeit. Also nahmen die Fußballprofis des FC Energie Cottbus am Tag nach ihrer 0:2-Niederlage gegen Bayern München, statt gleich wieder hart für den Klassenverbleib in der Bundesliga zu trainieren, erst einmal am traditionellen Umzug der Narren durch die Cottbuser Innenstadt teil. „Der Zug der fröhlichen Leute“, hatten die Cottbuser Stadtväter das bunte Treiben plakativ betitelt. Auf dem Festwagen des FC Energie spiegelte sich dieses Motto indes nicht in jedem Gesicht wider, hatte doch Trainer Eduard Geyer schon kurz nach dem Spiel verkündet, dass seine Elf „zu brav gespielt“ habe, „es fehlte vielfach die Agressivität“. Und wenn in Cottbus der Trainer zu solchen Erkenntnissen gelangt, dann heißt das für die Spieler, dass ihnen in den nachfolgenden Übungsstunden schon mal ein stark erhöhtes Arbeitspensum abverlangt wird: Aschermittwoch ab Rosenmontag.

Es lief einfach zu glatt für Energie Cottbus – bis die Bayern kamen. Geyers Mannschaft, nach der Hinrunde nicht nur von Franz Beckenbauer als hoffnungsloser Fall in der Bundesliga verspottet, hamsterte im neuen Jahr von 15 möglichen Punkten 13, schwang sich damit zur besten Rückrunden-Elf auf, vom Wunder in der Lausitz war plötzlich wieder die Rede. Aber auch das Haltbarkeitsdatum von Wundern ist begrenzt. Mitten in den Überschwang hinein platzte der Auftritt des FC Bayern im Stadion der Freundschaft – vielleicht genau zur rechten Zeit. Jetzt weiß in Cottbus wieder jeder, wie unendlich weit der Klassenerhalt noch entfernt ist, eine derart verkorkste Hinrunde wie die der Cottbuser lässt sich nicht über Nacht aufarbeiten.

Aber obwohl für den FC Energie gegen die selbstsicher auftretenden und zeitweise elegant kombinierenden Bayern nichts zu holen war, hinterlässt die Niederlage keine Depressionen. „Es wird jetzt keinen Knacks geben“, versprach Manager Klaus Stabach. „Wir müssen andere Gegner schlagen, nicht den FC Bayern“, sagte Energies Mittelfeldspieler Timo Rost. „Wenn wir uns jetzt Sorgen machen würden, wäre das doch ein Witz“, sagte Torhüter André Lenz. Beim VfL Wolfsburg am kommenden Sonntag und eine Woche später daheim gegen den 1. FC Kaiserslautern stehen für die Cottbuser die Aufgaben auf dem Programm, an denen sich ihre Ansprüche auf die künftige Bundesligazugehörigkeit weitaus eher messen lassen werden. Und da wird dann auch die Ehrfurcht nicht gar so groß sein wie gegen Bayern. Wie es denn gewesen sei, Oliver Kahn mal so unmittelbar von Mensch zu Mensch, von Torwart zu Torwart zu begegnen, wurde André Lenz gefragt. Es sei, antwortete Lenz, „ein schönes Gefühl, mal neben dem Olli zu stehen und ihm die Hand zu geben“.

Auf keinen Fall sollte sich der FC Energie durch die verbalen Nebelkerzen den Blick trüben lassen, mit denen Bayerns Manager Uli Hoeneß nach Spielschluss gegenüber den Cottbusern um sich warf. Hoeneß streichelte den Gegner förmlich mit Komplimenten, scherte sich dabei auch nicht darum, dass die, die das Spiel gesehen hatten, möglicherweise seinen Fußball-Sachverstand anzweifeln könnten. „Man hatte nie das Gefühl, dass hier der Meisterschaftsanwärter gegen einen potenziellen Absteiger spielt“, sagte Hoeneß und sprach von „zwei fast gleichwertigen Mannschaften“. Hoeneß suchte auf diese Weise offenbar die Versöhnung mit dem Cottbuser Publikum, das ihm schon mal recht feindselig begegnet war – damals, kurz nachdem der Bayern-Manager in der Koks-Affäre um Christoph Daum dezidiert Stellung bezogen hatte. Ob Uli Hoeneß spürt, dass er im nächsten Jahr mit dem FC Bayern wieder in die Lausitz muss – zum Bundesligaspiel beim FC Energie?

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