Sport : Nur für das Volk

Um die Iran-Reise des FC Bayern gibt es Streit – der Regimekritiker Bahman Nirumand findet sie richtig

Jens Poggenpohl

Berlin - Was sich an diesem Herbstabend im Asadi-Stadion in Teheran ereignete, war unvorstellbar – für iranische Verhältnisse. Eine Liveband spielte „Sultans of Swing“ und „Hotel California“, ein Stadionsprecher und eine Lasershow stimmten die über 100 000 Fans auf das kommende Fußballspiel ein, und als Rainer Zobel sich umdrehte, sah er 300 Frauen. Die waren zwar verschleiert, doch sonst dürfen Frauen gar keine Sportveranstaltungen besuchen. Zobel war Trainer von Persepolis Teheran, als an diesem 9. Oktober 2004 die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ein Länderspiel in Iran austrug, ein Benefizspiel zugunsten der Opfer des Erdbebens in Bam. Für Zobels damaligen Sitznachbarn, einen Iraner, war es viel mehr. „Hier passiert gerade eine Revolution“, sagte er.

15 Monate später scheint von der Öffnung nach Westen nichts übrig: Nachdem Präsident Ahmadinedschad öffentlich den Holocaust leugnete und das Existenzrecht Israels bestritt, erst recht nach den neuerlichen Atomwaffenplänen, ist Iran isoliert. Gestern empfahlen Deutschland, Frankreich und Großbritannien, den UN-Sicherheitsrat einzuschalten. Die Diskussionen um einen Ausschluss von der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 dauern an. Doch heute unterbricht der FC Bayern München sein Trainingslager in Dubai, um im Asadi-Stadion ein Freundschaftsspiel gegen Persepolis Teheran auszutragen. Knapp zwei Stunden dauert der Flug – eine Kurzreise ins Zwielicht von Fußball und Politik. Die Verantwortlichen verteidigen die Reise: „Mit Boykott hat man Probleme noch nie gelöst“ – diesen Satz wiederholte Manager Uli Hoeneß in der letzten Zeit mehrfach. Kurz vor der Abreise gab sich Hoeneß sogar pathetisch: „Wir spielen für das iranische Volk, nicht für das Regime.“

Nun ist Persepolis nicht die Nationalmannschaft, und nur der Verein, nicht die Regierung hat die Münchner eingeladen. Auf Initiative von Reza Fazeli, der Bayerns iranischen Nationalspieler Ali Karimi berät. Vertraglich soll sogar festgelegt sein, dass keine Staatsgäste auf der Tribüne sitzen dürfen. Allerdings feierte das staatliche Fernsehen den Besuch als Zeichen dafür, „dass Politik nichts mit Sport zu tun hat“, und für den Persepolis-Vorsitzenden Mohammad Hassan Ansarifard ist er gar „ein Beweis dafür, dass es keine politischen Bedenken gegen Iran gibt“. Das Spiel sei ein Zeichen des Kontakts zwischen den Ländern, heißt es aus der iranischen Botschaft in Berlin.

Unklar ist, wer den Bayern ihr „sehr gutes Honorar“ (Hoeneß) zahlt. Iranische Zeitungen spekulieren, das Antrittsgeld der Münchner – geschätzte 250 000 Euro – stamme nicht aus Werbegeldern, sondern aus dem „Propaganda-Budget“ der Regierung. Persepolis selbst ist notorisch finanzschwach, war vor sechs Jahren fast bankrott, ehe der Verein laut der Nachrichtenagentur AFP in den Besitz einer mächtigen religiösen Stiftung gegangen sein soll, die für Ahmadinedschad Wahlkampf machte. Iran-Experten wie Johannes Reissner von der Stiftung Wissenschaft und Politik können dies „nicht bestätigen, aber auch nicht ausschließen“. Ein Iraner aus dem Umfeld der Bayern behauptet, Persepolis gehöre dem iranischen Sportbund und sei unabhängig vom Regime.

Allerdings ist es für den Regimekritiker Bahman Nirumand „nicht vorstellbar, dass es in Iran überhaupt eine unabhängige Institution gibt“. Auch auf die Gefahr hin, dass die Regierung das Spiel instrumentalisiert, hält der in Deutschland lebende Publizist die Bayern-Reise aber für „sehr gut, weil der Sport in Bezug auf die Demokratisierung eine wichtige Rolle spielt. Im Stadion herrscht eine ganz andere Atmosphäre, als die Fundamentalisten wollen“.

Die Jubelfeiern nach Siegen sind seit jeher ein Ärgernis für die Kontrollfanatiker. Und wenn heute die Massen ins Stadion strömen, entscheiden sie sich damit gegen das Massengebet, das jeden Freitag an der Universität stattfindet. Kritikern reicht das nicht. „Die Bayern sollten ein Turnier mit Persepolis und einer israelischen Mannschaft ausrichten“, schlägt Daniel Cohn-Bendit (Grüne) vor.

Gut 20 Millionen Anhänger hat Persepolis. Der offizielle Name lautet seit der Revolution von 1979 „Pirouzi“ („Der Siegende“), allerdings hält sich hartnäckig der alte, an die Residenzstadt der persischen Herrscher erinnernde Name. Für Rainer Zobel ist Persepolis ein Phänomen „wie Bayern und Schalke zusammen“: genauso erfolgreich wie die einen, genauso geliebt wie die anderen. Unter Zobel reichte es jedoch nur zu Platz vier, momentan ist der siebenfache Iranische Meister sogar nur Neunter.

Dass Persepolis unter besonderer Beobachtung steht, hat Zobel in seiner Zeit erfahren. Ein Spieler wurde mit einer „empfindlichen Geldstrafe“ belegt, weil er im Derby gegen Esteghal seine Haare zum Pferdeschwanz band. Zobel erinnert sich auch noch an eine Besprechung, in der er einem Spieler erklärte, er solle bei Eckbällen des Gegners „den Fünf-Meter- Raum als sein Reich betrachten, so wie der Schah einst ein Reich hatte“. Da sei es „mucksmäuschenstill“ geworden, und später habe ihn ein Funktionär gefragt, ob er denn nicht wisse, dass Spitzel diesen unpassenden Vergleich an die Sittenwächter melden könnten.

Die Münchner werden jede Provokation vermeiden. So gewinnt jeder: Das Regime benutzt den Besuch als Propaganda, die iranischen Fans bestaunen den großen Verein aus dem Westen und für die Bayern lohnt sich die Reise dreifach: Neben dem Antrittsgeld und einem sportlich ernst zu nehmenden Test machen sie Werbung auf dem asiatischen Markt. Auf lukrative Geschäfte mit Fanartikeln sollten sie jedoch nicht spekulieren, wie Rainer Zobel weiß: „Fußballtrikots trägt im Iran kaum ein Fan.“

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