Sport : Nur im Sand ein Großer

Der deutsche Dreispringer Charles Friedek gewinnt Silber, verliert aber an Ansehen

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Von Jörg Wenig

München. Sportlich hat Charles Friedek im Olympiastadion eine Weltklasseleistung gezeigt. Zwischen den beiden großen Favoriten des Dreisprung-Finales dieser EM, Christian Olsson (Schweden/17,53 Meter) und Jonathan Edwards (Großbritannien/17,32 Meter), platzierte sich der Leverkusener - nach seinen Vorleistungen in dieser Saison überraschend - mit 17,33 Meter auf dem Silberrang. Doch was Charles Friedek, der Weltmeister von 1999, dann zeigte, war dann keinesfalls mehr positiv zu werten.

Sicherlich, die Frage eines Journalisten in der Mixed-Zone - jenem Bereich in den Katakomben des Münchner Olympiastadions, in dem die meisten Athleten für Interviews zur Verfügung stehen - mag zu diesem Zeitpunkt aus seiner Sicht etwas unglücklich gewesen sein. Ob er jetzt wieder in der Weltklasse sei, wurde Charles Friedek gefragt. Allein das war zu viel für den 30-Jährigen. „Diese Beurteilung überlasse ich Ihnen selbst“, blaffte er zurück. Von der Mixed-Zone hatte er nun genug.

Dass Charles Friedek mitunter keine einfache Persönlichkeit ist, diese Erfahrung hat auch sein langjähriger Trainer Bernd Knut schon häufiger machen müssen. Auch in München hatte man nur Freude an Friedek, solange er „Sprünge in die Sandkiste“ vollführte. So hatte einst Jonathan Edwards die Tätigkeit eines Dreispringers beschrieben.

Drei Stockwerke höher setzte sich der unrühmliche Auftritt des Deutschen fort. Vielleicht waren es jene drei Minuten, die Charles Friedek auf den Beginn der Pressekonferenz mit den Dreisprung-Medaillengewinnern wartete. Als es dann, so wie im offiziellen Ablaufplan vorgegeben, zunächst mit den Interviews der Hochspringer weiterging, er also noch etwas länger hätte warten müssen, war das erneut zu viel für den Leverkusener Jura-Studenten. Friedek verließ nicht nur den Raum, sondern gleich das Stadion. Drei Treppen rannte ein Offizieller ihm nach, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. „Man kann mich nicht zu der Pressekonferenz zwingen“, ließ Friedek verlauten. Und als ihn der Pressesprecher des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Peter Schmitt, bat, zum Deutschen Haus, dem Treffpunkt des Verbandes in der Nähe, zu kommen, entgegnete Friedek: „Mein soziales Umfeld kommt da sowieso nicht rein.“ Ein Funktionär bekam diese Aussage zufällig mit. Der dunkelhäutige Friedek fühlte sich in der Vergangenheit in Deutschland manches Mal im öffentlichen Leben aufgrund seiner Hautfarbe benachteiligt. Im Rahmen der EM konnte davon freilich keine Rede sein.

Einen Tag später hatte sich Charles Friedek wieder beruhigt. Er reagiere mitunter sensibel, weil er in den letzten zwei Jahren, als seine Leistungen schwankten, schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht habe. Manches, erklärte er, sei in der Öffentlichkeit falsch dargestellt worden, ohne dass man mit ihm gesprochen hätte. Geärgert habe ihn zudem in München, dass man seine Sprünge im Fernsehen direkt mit denen von Weltrekordler Jonathan Edwards verglich. Dies empfinde er als unfair. Dabei hatte er den Briten gerade bezwungen.

Wenn einer der Medaillengewinner im Dreisprung tatsächlich Grund gehabt hätte, launisch aufzutreten, wäre es eigentlich Jonathan Edwards gewesen. Mit seinem letzten Sprung hätte der 36-Jährige seinen Titel verteidigt. Doch die Rote Fahne des Kampfrichters stoppte abrupt den Jubel der britischen Fans - Edwards hatte übertreten. Wie Friedek in dieser Situation reagiert hätte, darüber kann nur spekuliert werden.

Der Engländer jedenfalls blieb ruhig - kein Wutanfall, kein böser Blick in Richtung der Kampfrichter, noch nicht einmal eine Kontrolle am Balken, ob die Entscheidung korrekt war. Damit hob sich Edwards wohltuend von Friedek ab. Und nachdem er auf den Beginn der Pressekonferenz gewartet hatte, erklärte der erste reguläre 18-m-Springer der Leichtathletik-Geschichte: „Ich bin nicht enttäuscht, verloren zu haben. Traurig ist nur meine Weite. Ich war in Super-Form und bin sicher, einen 18-m-Sprung in den Beinen zu haben. Schade, dass es nicht geklappt hat.

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