Sport : Ohne Anzug zum Turnen

Schwimmer Paul Biedermann steht in Berlin bei der deutschen Meisterschaft unter Beobachtung

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Aufgeblasen? Der deutsche Weltrekordler muss seine Stärke neu beweisen. Foto: dapd
Aufgeblasen? Der deutsche Weltrekordler muss seine Stärke neu beweisen. Foto: dapdFoto: dapd

Berlin - Paul Biedermann stand vor den Geräten und staunte nur noch. Sie wirbelten vor ihm durch die Luft, am Reck, am Boden, beim Pferdsprung, Salti, Schrauben, das ganze Programm, das Kunstturner so drauf haben. Und daneben Paul Biedermann, der Weltklasseschwimmer, Weltrekordler und Weltmeister über 200 und 400 Meter Freistil, mit Augen wie ein Kind, das einem Zauberer zuschaut. Er war eigentlich nur zum Training der Turner von Halle an der Saale gekommen, weil er seine Sprungkraft verbessern wollte. Spektakuläre Akrobatik bekam er dann gleich noch dazu.

Der Ausflug zu den Turnern ist Teil seines Trainingsprogramms, Biedermann und sein Trainer Frank Embacher haben dazu noch in den vergangenen Monaten an der Schnelligkeit gefeilt. Denn Sprungkraft, um sich optimal vom Block zu katapultieren, und Schnelligkeit im Wasser benötigt der 25-Jährige mehr denn je.

Der Doppel-Weltmeister steht unter besonderem Druck. In Berlin, bei der deutschen Meisterschaft, bewegt er sich quasi wie unter einer Lupe. Die internationalen Stars und ihre Trainer starren hoch konzentriert auf seine Auftritte. Gestern trat Biedermann über die 400 Meter Freistil an, um seinen Titel zu verteidigen (bei Redaktionsschluss noch nicht beendet), heute startet er über 100 Meter Freistil, morgen über 200 Meter Freistil.

Die High-Tech-Anzüge sind verboten, das ist der Punkt. Man könnte auch sagen, das ist Biedermanns Problem. Der 25-Jährige ist in den Anzügen seine Weltrekorde geschwommen, er hat in den Gummihäuten den legendären US-Star Michael Phelps bei der WM 2009 über 200 Meter Freistil besiegt. „Jetzt fragt man sich international: Was ist Biedermann eigentlich ohne Anzug wert?“, sagt Bundestrainer Dirk Lange. In den Fachkreisen der USA fragt man sich das gar nicht mehr, da liefert man die Antwort gleich mit: Er ist wenig wert.

Die Frage ist nun, wie Biedermann mit diesem Druck umgeht. „Er muss ihn eigentlich nicht an sich herankommen lassen“, sagt Lange. „Er ist ja auch ohne Anzug gute Zeiten geschwommen.“ Biedermann selber bleibt eher gelassen: „Der Druck macht mir nicht viel aus. Ich will mal sehen, wie die anderen bei der WM schwimmen.“ Ob das auch seine wahre Meinung ist, das ist fraglich.

Aber wirklich aussagekräftig ist bei Biedermann bisher sowieso wenig. Jedenfalls sehe das die internationale Konkurrenz so, sagt Lange. Biedermann ist einfach zu schnell in der Weltspitze angekommen, man könne ihn noch nicht umfassend einschätzen. „Bei Britta Steffen dagegen kennt man jede Stärke und Schwäche.“ Aber Biedermanns Freundin schwimmt ja auch schon seit 2006 in der Weltspitze.

Bei Biedermann kommt aber auch noch Prestige ins Spiel, das steigert den Druck auf ihn. Im Schwimmen gibt es drei prestigeträchtige Strecken, alle im Freistil. 50 Meter, 200 Meter, 1500 Meter. Hier werden der schnellste Schwimmer gekrönt, der beste Mittelstreckler, der beste Langstreckler. Und auf einer dieser symbolisch aufgeladenen Strecken hatte Biedermann ausgerechnet das größte Symbol der Schwimm-Herrlichkeit, Michael Phelps, besiegt. Damit stellte sich Biedermann auf einen Denkmal-Sockel. Nun prüfen sie, ob dieser Sockel nicht hohl ist und gleich zusammenfällt.

Nicht bloß Phelps will Revanche, Australiens Nationalheld Ian Thorpe startet ein Comeback und will bei den Olympischen Spielen 2012 über 200 Meter Freistil groß auftrumpfen. Das erhöht die Brisanz der deutschen Meisterschaften in Berlin. „Das Finale über 200 Meter Freistil“, sagt Lange, „wird in der Fachwelt sehr, sehr genau beachtet.“

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