Sport : Ohne Blick zurück

Bei den Bayern reden alle über den Sturm – in Hannover aber war die Abwehr schlecht

Morten Holm

Hannover. Seine beste Szene hatte Thomas Linke in der 83. Minute. Als sein Gegenspieler Mohammadou Idrissou den Ellbogen ausfuhr und Linke am Oberkörper berührte, griff sich der Verteidiger von Bayern München an den Hals und stürzte zu Boden. Bei so viel Schauspielkunst blieb Schiedsrichter Aust gar nichts anderes übrig, als Idrissou die Rote Karte zu zeigen. Natürlich vollauf berechtigt, denn schon der Schlagversuch ist strafbar. Aber durch Linkes Einlage wirkte das Ganze noch dramatischer.

Zehn Mann bei Hannover waren zu wenig, um dem Dauerdruck der 2:3 zurückliegenden Bayern standzuhalten – Owen Hargreaves traf in der 91. Minute zum Ausgleich und Endstand. So hatte auch Linke irgendwie zum Teilerfolg beigetragen. Ansonsten war es für ihn und Robert Kovac in der Mitte der Münchner Defensive sowie für die Außen Hasan Salihamidzic und Tobias Rau aber ein eher trauriger Nachmittag. Drei Gegentore kassierten die Bayern in 45 Minuten, das ist ihnen zuletzt im Januar 2002 beim 1:5 in Schalke passiert.

Das 0:1 durch Krupnikovics Freistoß war nicht zu verhindern, die Tore zum 0:2 und 1:3 aber entsprangen blanker Konfusion in der Münchner Hintermannschaft: Zuerst kam Hannovers Jiri Stajner im Strafraum irgendwie an den Ball und traf zum 2:0. Später bediente Rau Thomas Christiansen, der das 3:1 erzielte. Gerade diese beiden Tore ärgerten Ottmar Hitzfeld, den Trainer der Münchner: „Das durfte nicht passieren. Da verlange ich mehr Aufmerksamkeit.“

Rau wurde schwindlig gespielt

Etwas stabiler wurde es erst, als Rau in der Kabine blieb und Willy Sagnol die ungewohnte linke Abwehrseite übernahm. Vor allem für den 21 Jahre alten Rau war es ein unangenehmer, vielleicht aber lehrreicher Nachmittag. Er wurde von Jiri Stajner und Jan Simak wechselweise schwindlig gespielt; die Zweikampfschwäche des verteidigenden Leichtgewichts war mehr als deutlich. „Er ist neu bei uns und mit viel Nervosität ins Spiel gegangen“, sagte Hitzfeld entschuldigend, „das ist normal beim FC Bayern.“ Die Auswechslung zur Pause dürfte den Nationalspieler, der vom VfL Wolfsburg kam, indes nicht gerade aufgebaut haben.

Seit Wochen spricht bei den Bayern alles über den Angriff: über Makaay, Elber und Pizarro. Dabei lohnt sich auch der kritische Blick nach hinten. Zumindest am Samstag wirkte die neu zusammengestellte Viererkette sehr anfällig. Erst, wenn Bixente Lizarazu wieder zurückkommt und Sagnol die angestammte rechte Abwehrseite übernimmt, wird die Bayern-Abwehr wieder über internationales Format verfügen. Die beiden Franzosen sind wegen ihrer Einsätze beim Konföderationen-Cup und des anschließenden Urlaubs erst Ende Juli ins Training eingestiegen und sollen behutsam aufgebaut werden. Martin Demichelis, für 4,5 Millionen Euro von River Plate Buenos Aires geholt, soll auch erst noch ein wenig mit den neuen Kollegen üben, bevor er in der Bundesliga spielt.

Hitzfelds zum zweiten Mal ausprobierte offensivere Ausrichtung ohne Jens Jeremies als Staubsauger vor der Abwehr brachte die Bayern in Hannover mehrfach in Bedrängnis – Michael Ballack nahm bei 41 Grad Hitze kaum am Spiel teil, Sebastian Deisler war überall und nirgends, und Hasan Salihamidzic als rechter Verteidiger hatte genug zu tun, Krupnikovic und den immer wieder die Seite wechselnden Stajner zu bremsen.

Doch solange vorne Tore fallen (wie im zweiten Durchgang von Hannover) und unendliche Geschichten über Stürmer erzählt werden (wie über Roy Makaay), werden sich weitere Diskussionen um die Abwehr der Bayern wohl in Grenzen halten.

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