• Olympia 2008: Mehr als eine Inszenierung. Ganz Peking feiert den neuen Status als Olympiastadt

Sport : Olympia 2008: Mehr als eine Inszenierung. Ganz Peking feiert den neuen Status als Olympiastadt

Harald Maass

Die Verkäuferin eines Kaufhauses reagiert als Erste. Über die Lautsprecher des Geschäfts ruft sie ihren Jubel auf die Straße. "Wir haben gewonnen! Wir haben gewonnen!" IOC-Präsident Juan Antionio Samaranch hatte seinen Satz kaum zu Ende gesprochen, da brach Jubel aus. Passanten auf der Wangfujing, der Pekinger Einkaufsmeile, fielen sich gegenseitig in die Arme. Wer noch saß, sprang auf. "Beijing" riefen sie - den chinesischen Namen für Peking. Manche hatten chinesische Flaggen mitgebracht, gelbe Sterne auf rotem Tuch, die sie jetzt in den Himmel strecken. Andere schwenken einfach die Fähnchen des McDonalds-Restaurants. "Ich bin glücklich und gerührt", sagt der Student Liang Zhen. "Als ich das Ergebnis gehört habe, bin ich aufgesprungen und habe einfach nur geschrien."

Sie hatten nicht viel vorbereitet. Vor zwei winzigen Fernsehern hatten seit dem frühen Abend hunderte Passanten ausgeharrt. Ein kleines Eisgeschäft versorgte die Wartenden mit Getränken. Viele brachten Fotoapparate mit, machten Souvenirfotos. Schon bei der ersten Auszählung jubelten einige. Pekings Organisatoren hatten sich in Moskau zwar siegessicher gezeigt. Aus Angst vor einer Blamage hatte die Stadtregierung jedoch alle spontanen Feiern verboten.

Zum Thema Porträt: Olympia in Peking: Realitäten, Wunschbilder und ein Albtraum Als um kurz vor elf Uhr nachts das Ergebnis feststand, gab es jedoch kein Halten mehr. Zehntausende Pekinger strömten durch die Innenstadt. Vorbei am ehrwürdigen Peking Hotel Richtung Platz des Himmlischen Friedens. Auf dem "Boulevard des ewigen Friedens" brach der Verkehr zusammen. Autohupen heulten auf. Die Polizisten, die sonst streng jeden Autofahrer abstrafen, streckten die Fäuste in die Höhe. Noch nie hatte man die Menschen in Peking so ausgelassen feiern sehen.

Was hatte Pekings Regierung nicht alles inszeniert. Zum Frühlingsfest im Februar hatten Mönche in den Tempeln für einen glücklichen Ausgang der Olympiaentscheidung beten müssen. Ganze Stadtviertel wurden renoviert, jahrzehntelang vernachlässigte Wohnsiedlungen wurden gestrichen. An jeder Straßenecke stand jemand mit einer Unterschriftenliste. Jedes Fabrikfest wurde zu einer "Olympiafeier". Frauen wollten sich die Haare abschneiden lassen, um daraus olympische Ringe zu flechten.

Ein bisschen Aufregung hatte es tagsüber gegeben, aber nur in den Aktienstuben, in denen Rentner und Glücksspieler am Straßenrand auf den chinesischen Aktienmarkt setzen. Auf einer roten Anzeigetafel leuchten die aktuellen Kurse. "Wenn Peking gewinnt, wird das ein Riesengeschäft", sagte der Taxifahrer Xu. Sportartikelhersteller, Reisebüros, Grundstücksinvestoren - Firmen, die von Olympia profitieren könnten, wurden seit Wochen hoch gehandelt. Favorit war "China Sports Industry Co", die seit Mai um 38 Prozent gestiegen ist. "Warum soll man an Olympia nicht ein bisschen verdienen", erklärte Xu. Die Investition dürfte sich für ihn gelohnt haben.

95 Prozent der Pekinger hatten laut dem Pekinger Organisationskomitee die Berwerbung unterstützt. Es ist wohl eine der wenigen offiziellen Statistiken in China, der man trauen kann. Egal, wen man am Freitag in der Stadt traf, jeder freute sich auf Olympia. "Ich glaube, wir gewinnen. Die Spiele werden Peking zu einer modernen Stadt machen", sagte die Studentin Guo Tianyi. 60 Milliarden Mark will die Regierung in Peking investieren, meldeten die chinesischen Medien. Vor den Toren der Stadt sollen Wälder angepflanzt werden, um den Staub aufzufangen, den der Wind im Frühjahr aus der Wüste in die Straßen trägt. Neue U-Bahnen sollen gebaut, das veraltete Bussystem modernisiert werden. Aber auch viele der alten Gassen, die heute den kaiserlichen Charme der Stadt ausmachen, werden für diese Olympiade verschwinden.

Pekings Bewerbung war mehr als nur eine Inszenierung der Regierung. Chinesen sind begeisterte Sportfans. Bei der letzten Europameisterschaft im Fußball warnte die Regierung vor Arbeitsunfällen. Viele Chinesen hatten die Nächte vor dem Fernseher verbracht, und schliefen dann tagsüber in den Fabriken ein. Eine Sportzeitschrift hatte einmal geschrieben, dass Lothar Matthäus in China mehr Fans habe als in Deutschland. Über den Betten jugendlicher Chinesen hängt das Porträt von "Qiao dan" - "Michael Jordan". Vielleicht liegt es an der Politik, die in diesem Ein-Parteien-Staat so langweilig ist, dass die Menschen hier sich so gerne mit Sport beschäftigen. Die Spiele von Sydney verfolgten mehrere hundert Millionen Chinesen vor dem Fernseher. Jetzt werden es noch ein paar mehr sein.

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