Olympia : Alles wunderbar

Die chinesische Öffentlichkeit bereitet sich auf die Olympischen Spiele vor – das Thema Tibet ist tabu. Die zensierten chinesischen Medien malen weiterhin das Bild der harmonischen Spiele.

Benedikt Voigt[Peking]
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Das Nationalstadion in Peking soll bald fertig sein, es ist eine von etwa 10.000 Baustellen. -Foto: dpa

Für Cai Xiao Ye beginnen die Olympischen Spiele im Gleichschritt. Die Englischstudentin marschiert am ersten Tag ihres Praktikums im Pekinger Sieben-Sterne-Luxushotel „Pangu Plaza“ gemeinsam mit 32 Mädchen neben einem roten Teppich auf und ab. „Yi, er, yi“ schreit der Sicherheitschef des Hotels, der zuvor bei der chinesischen Volksbefreiungsarmee gearbeitet hat. Yi, er, yi – eins, zwei, eins. Die Mädchen winkeln die Arme an, ballen die Hände in Hüfthöhe zu Fäusten und marschieren weiter. Das Exerzieren kennen sie aus Schulzeiten. Keine lacht.

Doch Cai Xiao Ye ist eine fröhliche junge Frau. „Ich will ein Teil der Olympischen Spiele werden“, erzählt sie anschließend und zeigt hinter sich auf das ovale Nationalstadion und das würfelförmige Schwimmstadion. „Ist das nicht alles wunderbar?“ Um beim größten Sportereignis der Welt dabei zu sein, ist die zierliche Chinesin für ein halbes Jahr aus Chengdu in der Sichuan-Provinz nach Peking gekommen. Als Kellnerin oder Verkäuferin im spektakulären, drachenförmigen „Pangu Plaza“, das im Juni in unmittelbarer Nähe der olympischen Anlagen eröffnet wird, will Cai Xia Ye zumindest die olympische Atmosphäre mitbekommen. Und die wird es geben, da ist sie sich sicher.

Von der Boykottdiskussion, die zurzeit außerhalb Chinas geführt wird, hat sie jedenfalls nichts gehört. „Ein Boykott wäre auch keine gute Idee“, sagt Cai Xia Ye, „wer so etwas vorhat, der versteht die chinesische Kultur nicht.“ Seit Konfuzius achteten die Chinesen die Harmonie unter den Menschen, sagt sie, „Menschlichkeit ist für uns eine sehr wichtige Tugend.“ Doch in diesem Punkt dürfte der Chinese Yang Chunlin anderer Meinung sein.

Der Olympiakritiker und Menschenrechtler ist am Dienstag von einem chinesischen Gericht „wegen Anstiftung zum Sturz der Regierung“ zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Sein Vergehen bestand darin, dass er 2007 eine Petition mit der Forderung: „Wir wollen Menschenrechte und keine Olympischen Spiele“ verfasst hat. Er wollte auf die Not der Bauern in seiner Heimatprovinz Heilongjiang aufmerksam machen. In der Haft soll er misshandelt worden sein, bei seinem Prozess am 19. Februar 2008 wurde er nach Auskunft von Amnesty International mit einer Kapuze über dem Kopf sowie in Hand- und Fußfesseln vorgeführt. „Wir rufen die Öffentlichkeit, Regierungen und das Internationale Olympische Komitee weiterhin dazu auf, die versprochene Verbesserung der Menschenrechtslage konsequent von der chinesischen Regierung einzufordern“, sagte Verena Harpe, Asienreferentin von Amnesty International.

Das Urteil bestätigt nur, dass China ungeachtet des gestiegenen Drucks aus dem Ausland seine unnachgiebige Linie gegenüber Dissidenten und Demonstranten fortführt. Seit der Vergabe der Olympischen Spiele 2001 an China haben nicht nur Menschenrechtsgruppen einen Boykott der Spiele in Erwägung gezogen. Die Niederschlagung der Demonstrationen und die Ausschreitungen in Tibet haben diese Diskussion neu entfacht. Außerhalb Chinas allerdings, die chinesische Bevölkerung bekommt davon nur wenig mit. Oder gar nichts. Die zensierten chinesischen Medien malen weiterhin das Bild der harmonischen Spiele.

Die staatliche Zeitung „China Daily“ schaffte es, der Entzündung der Flamme sieben Artikel zu widmen – ohne die Demonstranten zu erwähnen. Die Überschrift lautete: „Die Sonne lacht, während die olympische Fackel entzündet wird.“

Fan Shen Li ist jedenfalls begeistert von den Olympischen Spielen in seinem Land. Der 32 Jahre alte Familienvater steht auf einer Fußgängerbrücke vor dem für Olympia errichteten Dorf der 53 ethnischen Minderheiten Chinas – einer Art Ethno-Disneyland, das nach den Ereignissen von Tibet besonders fragwürdig wirkt – und bietet Touristen seine Dienste an. Für einen Euro fotografiert er sie vor dem neuen Nationalstadion und druckt das Bild sofort an seinem Drucker aus. „Ich verkaufe rund 20 Fotos am Tag“, sagt Fu Shen Li. Er mag die Spiele auch, weil sie ihm vor zwei Jahren eine neue Aufgabe gebracht haben. Sein altes Fotostudio nahm zu wenig Geld ein. Fu Shen Li versteht deshalb überhaupt nicht, worum es bei den Boykottdiskussionen des Westens gehen soll. „Die Ausschreitungen in Tibet haben doch aufgehört“, sagt er, „die Menschen sollten unserer Regierung vertrauen.“

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