Olympia : Künftig ohne Ringe(r)

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Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann. Foto: Tagesspiegel
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Die Welt gerät mehr und mehr aus den Fugen. Gestern die Nachricht vom Rücktritt des Papstes. Hat man doch gestern noch angenommen, dass so etwas gar nicht geht. Heute nun die Meldung, dass das Internationale Olympische Komitee Ringen, den Sport, der Blumenkohlohren produziert und seine Protagonisten auch so aussehen lässt, aus dem olympischen Programm streicht. Man ringt um Worte. Besonders, wenn man die Begründung liest: zu geringe TV-Präsenz, zu wenige Zuschauer in den olympischen Hallen, zäher Ticketverkauf, unzureichendes Anti-Doping-Programm (was auf nahezu alle Sportarten zuträfe) – so unverhohlen hat das IOC wohl noch nie kundgetan, worum es ihm geht mit Olympia. Weil es so schön passt, das IOC schafft sich selbst ab, streicht sein Symbol, legt keinen Wert mehr auf die olympischen Ringe(r), mithin auch nicht mehr auf den Sinn und Ursprung des olympischen Gedankens. Gerungen wurde schon in der Antike, gerungen wurde seit 1896 bei allen Sommerspielen der Neuzeit, Ringen, das ist eine Kernsportart der Olympischen Spiele, man muss kein Nostalgiker sein, kein Romantiker und auch kein Ringer, um das IOC zu verfluchen. Natürlich schaut kaum einer hin, wenn die verbauten Männer sich ineinander verschlingen, aber was ist das für ein Kriterium? Auch das Ringen hat große Momente Olympias hervorgebracht.

Momente, wie sie im kollektiven Sportgedächtnis fest gelagert sind. 1972, Wilfried Dietrich, der Mann mit dem Kampfnamen „Der Kran von Schifferstadt“, hat gegen Chris Taylor anzutreten. Der wiegt 200 Kilo, ist mindestens einen Kopf größer als der Kran, er hat einen Körperumfang von 204 Zentimetern, in der Regel lässt er sich nur auf seine Gegner fallen und macht sie platt. Dietrich hebt diesen Taylor hoch, beugt sich ins Hohlkreuz, steht auf den Zehenspitzen, wirbelt herum und schultert 200 Kilo Lebendmasse. Eine biblische Szene: David besiegt Goliath. Auch scheinbar chancenlos kann man ein Problem niederringen.

Aber darum geht es nicht mehr. Es geht darum, dass dort, wo Ringen Volkssport ist, zum Beispiel in Aserbaidschan, keine Sponsorengelder zu holen sind für das IOC. Übrigens ist Ringen eine Kampfsportart, bei der nicht die Verletzung oder Kampfunfähigkeit des Gegners das Ziel ist. Noch eins übrigens: Taekwondo, das brutale Schlagen und Treten, ist seit 2000 olympische Disziplin. Das ist in Südkorea sehr verbreitet. Samsung ist Großsponsor von Olympia.Helmut Schümann

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