Olympia ohne Russland? : "Wer betrügt, macht etwas kaputt"

Eisschnellläufer Moritz Geisreiter hält einen Ausschluss Russlands von den Winterspielen für richtig. Am Dienstagabend entscheidet das IOC, ob es tatsächlich so weit kommt

Anne Armbrecht
Der bayerische Eisschnellläufer Moritz Geisreiter, 29, tritt in Pyeongchang über 5000 Meter an.
Der bayerische Eisschnellläufer Moritz Geisreiter, 29, tritt in Pyeongchang über 5000 Meter an.Foto: H. Hanschke/dpa

Herr Geisreiter, Sie haben sich für einen Bann Russlands von den Spielen in Pyeongchang ausgesprochen. Können Sie Ihren Standpunkt erläutern?

Ich bin jetzt seit zwölf Jahren international im Eisschnelllauf unterwegs. Für mich ist Leistungssport ein zeitlich begrenztes Projekt, das ich voll und ganz lebe. Später werden dann andere Projekte folgen, in die ich aus der jetzigen Zeit viel mitnehmen will. Der Sport soll doch gewinnbringend fürs Leben sein. Wenn ich aber betrogen habe, mich und alle anderen, was kann ich dann mitnehmen? Worauf kann ich dann stolz sein, welche Lehren weitergeben? Für mich ist das widersinnig. Wenn ich als Athlet betrüge, mache ich mir damit selbst etwas kaputt.

Soweit sprechen Sie von Entscheidungen eines Einzelnen. Hat sich im aktuellen Fall mit Russland nicht eine ganze Sportnation des Betrugs verdächtig gemacht?

Für 25 Sportler hat das IOC inzwischen lebenslange Olympia-Sperren ausgesprochen, was ich gut finde. So auch in meiner Sportart, obwohl Aleksander Rumyantsev und Olga Fatkulina im Moment trotzdem noch ganz normal im Weltcup mitlaufen. Sofern die Begründungen des IOC aber schlüssig sind, finde ich es wichtig, dass die Internationale Eisschnelllauf-Union diese Sperren dann auch mitträgt. Der Ski-Weltverband FIS hat das zum Beispiel schon vorgemacht.

Im McLaren-Report, der der IOC-Entscheidung als Grundlage dienen soll, sind aber nicht Einzelfälle, sondern systematisches Doping dokumentiert. Demnach wurden von 2011 bis 2015 Dopingproben von über 1000 russischen Athleten manipuliert und dabei rund 650 positive Proben vertuscht, offenbar unter Beteiligung von Sportministerium und Geheimdienst. Treffen Sperren gegen Einzelne da noch den Punkt?

Wenn hinter dem massenhaften Betrug ein übergeordnetes Betrugssystem von nationaler Dimension erkennbar wird, sollte dieses System bestraft werden. Die Olympischen Spiele sind die Sportveranstaltung mit dem größten Renommee. Und um dieses geht es den Staaten ja. Wenn der Medaillenspiegel denen das Wichtigste ist und der Athlet oder die Fairness nichts zählen, dann sollte man genau da ansetzen. Ein kompletter Ausschluss Russlands von Pyeongchang 2018 wäre da aus meiner Sicht eine wirksame Sanktion. Das könnte wirklich ein Umdenken anstoßen.

"Wenn ich nicht laut sage, was ich denke, kann ich nichts zu einer Veränderung beitragen"

Ihre Teamkollegin Claudia Pechstein wurde 2009 selbst von der ISU auf Grundlage von Indizien für zwei Jahre gesperrt – zu Unrecht, wie sie später selbst bewies. Sie spricht sich gegen eine komplette Sperre des russischen Teams aus, weil die auch Unschuldige treffen könnte.

Dies macht die Entscheidung schwierig. Aber am Ende sind diese Sportler im Falle einer Kollektivsperre dann keine Opfer des IOC, sondern Opfer des Betrugssystems in Russland, das diese Strafe provoziert hat. Zudem glaube ich, dass die Zahl der sauberen Sportler, die durch eine Sperre Russlands geschützt würden, die Zahl der Opfer deutlich überwiegt. Für nachweislich unbeteiligte Athleten kann ich mir einen Start unter neutraler Flagge aber vorstellen.

Andere Sportler äußern sich in dieser Frage nicht so klar...

Ich habe mir selbst gut überlegt, ob ich das will. Wenn ich eine kritische Meinung äußere, mache ich mich angreifbar und ecke vielleicht an. Das ist unbequem. Aber wenn ich nicht laut sage, was ich denke, kann ich eben auch nichts zu einer Veränderung beitragen.

Sie sprachen bereits von Aleksander Rumyantsev und Olga Fatkulina, die trotz nachgewiesenem Dopings aktuell noch neben Ihnen im Weltcup mitlaufen. Wie gehen Sie damit um?

Es ist kein schönes Gefühl, sie neben uns wie eh und je auf dem Eis trainieren zu sehen, offensichtlich bei bester Laune und mit völliger Selbstverständlichkeit. Ich erkenne da überhaupt keine Scham oder Reue. Das ist schon ärgerlich.

Bislang sieht die internationale Sportgerichtsbarkeit bei einem Positivtest in der Regel eine Sperre von zwei Jahren vor. Ist Ihnen das genug?

Diese Form des Betrugs ist keine Kleinigkeit. Sie berührt das Wesen des Sports und lässt sein Ansehen in der Gesellschaft sinken. Wem man Doping oder Manipulation nachweisen kann, der sollte deshalb lebenslang gesperrt werden.

- Moritz Geisreiter, 29, lief bei den Winterspielen von Sotschi 2014 über 5000 und 10.000 Meter. Der Bayer läuft seit 2007 als Mitglied der deutschen Eisschnelllauf-Nationalmannschaft in der Weltcup-Serie.

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