Olympische Sommerspiele 2020 : Tokio, Istanbul oder Madrid?

Heute entscheidet das IOC bei seiner Abstimmung in Buenos Aires über die Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2020. Wir haben die letzten drei Kandidaten miteinander vergleichen.

F. Lill, R. Schulze, T. Seibert
Der IOC wählt am Samstag die Olympiastadt für die Sommerspiele 2020. Die Entscheidung fällt zwischen Tokio, Istanbul und Madrid.
Der IOC wählt am Samstag die Olympiastadt für die Sommerspiele 2020. Die Entscheidung fällt zwischen Tokio, Istanbul und Madrid.Foto: dpa

Die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wählen am Samstag in Buenos Aires die Ausrichterstadt der Olympischen Sommerspiele 2020. Die letzten drei Kandidaten im Vergleich:

Was ist zuletzt passiert?

Tokio: Nachdem Gouverneur Naoki Inose im April Mitbewerber Istanbul als rückständig verunglimpft hatte, legte in Japan eine Diskussion los, ob die Hauptstadt ihre Chancen damit schon verspielt habe. Nach internationaler Kritik entschuldigte sich der Gouverneur. Tsunekazu Takeda, Chef des Bewerbungskomitees, versprach, Tokio werde sich fortan auf seine eigenen Schwächen und Stärken konzentrieren. Seither ist man zurückhaltender geworden. Und die Unterstützung der Japaner für die Bewerbung ist stetig gestiegen. Vor den Spielen in London 2012 war eine Mehrheit gegen die Austragung, dieser Tage ergab eine Umfrage einen nationalen Zustimmungswert von 92 Prozent.

Istanbul: Die Türken spielen bei der fünften Olympia-Kandidatur ihrer größten Stadt mit vollem Einsatz. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan reiste nach Argentinien, um noch Überzeugungsarbeit leisten zu können. Bedenken des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wegen zu erwartender Verkehrsprobleme in der 15-Millionen-Stadt während der Spiele will Istanbul mit Infrastrukturprojekten im Volumen von fast 20 Milliarden Dollar ausräumen.

Madrid: Umfragen des Spanischen Olympiakomitees zufolge unterstützten zuletzt 91 Prozent der Spanier die Kandidatur Madrids. Sogar die großen Gewerkschaften des Landes und die sozialistische Opposition stehen dahinter. Die Erwartung, dass Olympia die lahmende Wirtschaft ankurbelt und dringend benötigte Jobs schafft, scheint die sonst so zerstrittene Nation weitgehend zu einen.

Ein Argentinier für Spanien. Ausgerechnet Barcelonas Fußballstar Lionel Messi spielt Sympathieträger für die Bewerbung der spanischen Hauptstadt Madrid.
Ein Argentinier für Spanien. Ausgerechnet Barcelonas Fußballstar Lionel Messi spielt Sympathieträger für die Bewerbung der...Foto: AFP

Was sind die Stärken der Bewerbung?

Tokio: Die Stadt gilt als sicherer Kandidat, was einen reibungslosen Ablauf der Spiele anginge. Die Bewerbungsmappe Tokios betont, dass die Spiele 2020 die ersten würden, bei denen beinahe alle Wettkämpfe in der Innenstadt ausgetragen werden. Das würde lange Reisezeiten, wie es in London 2012 teilweise der Fall war, weitgehend vermeiden. Zudem verfügt Tokio über eine gute Infrastruktur im Zentrum, auch sollen die Spiele in Japan grüner werden als alle anderen zuvor.

Istanbul: Die Lage Istanbuls auf zwei Kontinenten ist ein Vorteil: Der olympische Marathon würde über eine der Bosporusbrücken von Asien nach Europa oder andersherum führen. Istanbul, das frühere Byzanz und Konstantinopel, vereint zudem Islam und Christentum. Die Türkei wäre das erste muslimische Land, das die Spiele ausrichtet. Ein noch nie dagewesener Wirtschaftsboom hat aus der Türkei einen modernen Staat gemacht, der genug Geld und Dynamik hat, um große Sportstätten, neue Straßen und neue U-Bahnstrecken rechtzeitig vor 2020 fertigzustellen. Ein neuer Flughafen, der im Endausbau der größte der Welt werden soll, wird der Planung zufolge schon 2017 in Betrieb gehen.

Madrid: NOK-Chef Alejandro Blanco und Madrids konservative Bürgermeisterin Ana Botella wollen „sparsame Spiele“. Ohne pharaonische Sportpaläste, die später niemand mehr braucht. Mit einem Konzept, das Madrids bestehende Stadien, Hallen und sogar die Stierkampfarena nutzt. Und mit einem vergleichsweise geringen Steuergeldeinsatz von 1,5 Milliarden Euro. Ein Etat, der weit unter dem liegen würde, was die Konkurrenten Istanbul und Tokio lockermachen wollen. Mit dem Gelöbnis der Sparspiele hat die spanische Olympia-Lobby es geschafft, Proteste in der heimischen Bevölkerung zu ersticken.

Woran könnte es scheitern?

Tokio: Scheitern könnte es vor allem an Diplomatie. Neben dem Aufreger von Gouverneur Inose führt Japan seit längerem Territorialkonflikte insbesondere mit China, Südkorea und Taiwan. Die ersten beiden sind im IOC mit je mehr als einem Mitglied vertreten. Ob das Stimmverhalten durch derartige Politik beeinflusst wird, ist ungewiss. Helfen dürfte Japans Unbeliebtheit in Ostasien aber nicht. Zudem belastet eine Sicherheitsfrage. Die Lage um die havarierten Atomreaktoren in Fukushima, 200 Kilometer nördlich von Tokio, hat sich zuletzt verschlimmert.

Istanbul: In jüngster Zeit hat die Istanbuler Bewerbung mehrere Rückschläge wegstecken müssen. Die regierungsfeindlichen Unruhen in der Türkei im Juni und die überharten Polizeieinsätze gegen die Demonstranten haben dem internationalen Image des Landes geschadet. Zudem wurden im Sommer mehr als zwei Dutzend türkische Leichtathleten wegen Dopings für jeweils zwei Jahre gesperrt, was ebenfalls kein gutes Bild abgibt.

Madrid: Eigentlich kann sich das Land Olympia nicht leisten. Spaniens Banken mussten 2012 vom EU-Rettungsfonds mit 40 Milliarden Euro vor der Pleite bewahrt werden. Der verschuldete Staat kürzt auch, wo es wehtut: In Kindergärten, Schulen, Unis, Gesundheitszentren und Krankenhäusern. Olympia-Kandidat Madrid ist die meistverschuldete Kommune Spaniens. Mit mehr als sieben Milliarden Euro ist die Hauptstadt, in der etwa 3,2 Millionen Menschen wohnen, verschuldet. Die Quittung für öffentliche Misswirtschaft früherer Jahre.

Wie stehen die Chancen?

Tokio: Äußerungen von IOC-Offiziellen waren zuletzt widersprüchlich. Während einige Vertreter äußerten, es gebe keinen klaren Favoriten, sagten andere, Tokio habe tendenziell die Nase vorn. Unter Buchmachern ist Tokio der Favorit. Allerdings ist man sich in Japan selbst nicht so sicher. Kritik kam jüngst auch daran, dass die Bewerbung vergleichsweise wenige Worte über die Hinterlassenschaften der Spiele verliert, die dem IOC aber ein großes Anliegen sein sollen.

Istanbul: Trotz der jüngsten Probleme hat Istanbul Chancen sich durchzusetzen. Die Türkei ist ein dynamisches Land der islamischen Welt mit einer jungen Bevölkerung und durfte bisher noch nie olympische Sommerspiele ausrichten. Die symbolische Brückenlage Istanbuls zwischen Ost und West und zwischen Islam und Christentum bilden ein gutes Argument für die Stadt.

Madrid: Es ist nach der Bewerbung für Olympia 2012 und 2016 Madrids dritter Versuch ans Ziel zu kommen. Die Metropole sei „eine der wenigen europäischen Hauptstädte, welche noch nie die Ehre hatte, Olympiastadt zu sein“, hat Spaniens Kronprinz Felipe kürzlich gesagt. In Buenes Aires führen Prinzessin Letizia und Felipe die Charme-Offensive an, Sportstars wie Fußball-Nationaltrainer Vicente Del Bosque, Tennis-Idol Rafael Nadal und der zweimalige Formel-1-Weltmeister Fernando Alonso sandten Grußbotschaften. Die schwere Wirtschaftskrise scheint bei der Bewerbung keine große Rolle zu spielen, Madrid hat beste Chancen, den Zuschlag zu bekommen.

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