Orientierungslauf : "Ein Glücksgefühl wie bei den Ostereiern"

Orientierungsläufer Alexander Lubina über die Kunst des Suchens und Findens sowie seine Nachtrennen im Wald.

Lubina
Alexander Lubina -Foto: Meike Hartmann

Herr Lubina, wenn es eine deutsche Meisterschaft im Ostereiersuchen gäbe, wären Sie einer der Favoriten.



Bei Schokoladeneiern wäre ich auf jeden Fall hoch motiviert.

Sie sind Orientierungsläufer. Sie betreiben also Suchen und Finden als Wettkampf.

Das stimmt. Aber im Gegensatz zu den Ostereiersuchern rennen wir nicht blind in den Wald hinein. Wir suchen mit Karten und haben immer ein Objekt, an dem wir uns orientieren können. Das kann eine Wegkreuzung sein, bei Fortgeschrittenen eine Bachgabel oder eine Senke.

Dafür müssen Sie einen besonderen Blick haben.

Wir finden nicht immer alles sofort, aber wir haben ein geschultes Auge. Auch für alles, was nicht in den Wald gehört. Die Kontrollpunkte, die wir in einer bestimmten Reihenfolge anlaufen müssen, sind ja meist rot-weiß markiert. Wenn wir einen finden, kann das auch für uns ein Glücksgefühl sein wie beim Ostereiersuchen.

Wie trainieren Sie Orientierungsfähigkeit?

Indem ich im Wald eine unbekannte Strecke ablaufe, die mein Trainer abgesteckt hat. Es gibt noch besondere Trainingsformen, in denen der Kompass eine größere Rolle spielt, das Lesen des Höhenbildes oder die Unterscheidung von Vegetationsformen. Man arbeitet dann mit reduzierten Karten, die nur bestimmte Informationen enthalten. Im Wettkampf sucht sich dann jeder seine eigene Route.

Wovon hängt es ab, welchen Weg Sie einschlagen?

Vom Gelände, von Steigungen. Manch einer wird zum nächsten Kontrollpunkt über einen Berg laufen, ein anderer rennt lieber durchs Dickicht und wieder ein anderer außen herum über Wege.

Und Sie?

Ich habe aufgrund meiner Vergangenheit als Bahn- und Straßenläufer eine gute Grundschnelligkeit und deshalb Vorteile auf Wegen. Ich brauche offenen Wald. Auf steinigem Boden bin ich langsamer.

Macht das so viel aus?

Das Querlaufen abseits der Wege über Steine oder durchs Gestrüpp beansprucht eine andere Muskulatur. Vor der Orientierungslauf-WM 1995 in Detmold haben einige superschnelle Straßenläufer aus Kenia einen Trainingslauf mit Orientierungsläufern aus Skandinavien gemacht. Sie sollten ihnen nur hinterherlaufen. Aber irgendwann konnten sie nicht mehr folgen.

Was sind Ihre liebsten Strecken?

Ich mache sehr gerne Sprint-Orientierungslauf. Der findet in einfachem Gelände statt, in Parks, Zoos, Innenstädten. Die deutsche Meisterschaft in zwei Wochen findet in Kassel im Park von Schloss Wilhelmshöhe statt. Ansonsten laufe ich gern in Skandinavien, wo der Orientierungslauf herkommt. Da läuft einem schon mal ein Elch über den Weg. Und es gibt große Nacht-Orientierungsläufe.

Wie muss man sich die vorstellen?

Nehmen wir mal den berühmtesten, die Jukola-Staffel in Finnland. Da fliegt man nach Helsinki und fährt von da drei Stunden nach Norden ins Nichts. Mitten im Wald steht eine Zeltstadt. Mehr als 10 000 Leute laufen da mit. Es ist beeindruckend, wenn Tausende mit Kopflampen in den Wald rennen. Die letzten starten im Morgengrauen und laufen in den Tag hinein. Nachtläufe sind immer ein Abenteuer. Im Training davor kann man im Wald schon Angst bekommen.

Sind Sie schon einmal in eine brenzlige Situation geraten?

Wenn man nicht aufpasst, kann man schnell bis zum Hals im Sumpf stecken. Mir ist noch nichts passiert, aber man ist froh, wenn man heil ins Ziel kommt. Umknicken kann man beim Querlaufen immer mal. Der Bänderriss im Fußgelenk ist eine typische Orientierungsläufer-Verletzung. Bei Wettkämpfen in der Schweiz läuft man auch an tiefen Schluchten vorbei. Da gehen die Läufer mit Trillerpfeife los, damit sie sich im Notfall bemerkbar machen können.

Wie ist Ihr Verhältnis zum Wald?

Wenn ich einfach so durch den Wald gehe, denke ich: Wie würde jetzt die Karte aussehen? Ein offener Wald, mit Moos bewachsen: Da freut man sich, wie schön er ist. Orientierungsläufer sind auch eher Typen, die zelten gehen oder wandern. Ich gehe lieber in den Wald als zum Shoppen.

Haben Sie sich beim Suchen nach den Kontrollpunkten, bei denen Sie abstempeln oder sich elektronisch registrieren lassen müssen, schon einmal verlaufen?

Es ist einige Male passiert, dass ich einen Posten überlaufen habe. Das kann schnell passieren: Man orientiert sich schon zum nächsten Punkt, hat dann einen kurzen Aussetzer und vergisst dabei, den Punkt anzulaufen. Wenn man dabei fünf Minuten verliert, ist das schon sehr viel Zeit.

Hat Sie so etwas mal einen Erfolg gekostet?

Da fällt mir die WM ein, die vor zwei Jahren in Tschechien stattfand, in Olmütz. Der Sprintwettbewerb führte durch den Botanischen Garten und die Altstadt. Ich hatte mich mit einer alten Karte vorbereitet und mir die Ein- und Ausgänge der Stadtmauer und die Brücken eingeprägt. Als ich dann mit der neuen Karte loslief, habe ich mich aus dem Gedächtnis an einer Brücke orientiert. Nur: Es gab sie nicht mehr. Ich habe 45 Sekunden verloren und bin 19. geworden.

Geht es immer nur um Sekunden oder Minuten?

Wir waren mal zum Training in Belgien, in den Ardennen. Der Lauf sollte eigentlich 40 Minuten dauern. Aber einige kamen einfach nicht zurück. Zwei Stunden haben wir nach ihnen gesucht. Die waren insgesamt fünf Stunden unterwegs.

Da müsste man den Wald doch eigentlich hassen.

Wenn man einen Fehler macht, ist natürlich immer der Wald schuld und nie man selber (lacht). Und manchmal kommt man einfach nicht vorwärts, weil vor lauter Dickicht kein flüssiges Orientieren möglich ist. Da ist man mit sich selbst unzufrieden, aber auch mit dem Gelände.

Merkt man eigentlich noch, dass der Orientierungslauf aus militärischen Übungen entstanden ist?

Nicht wirklich. Jeder, der bei der Bundeswehr war, ist zwar vertraut mit Orientierungsläufen. Aber das spielt heute keine Rolle mehr.

Abgesehen vom Ostereiersuchen: Wie hilft Ihnen der Orientierungslauf denn im Alltag?

Als Orientierungsläufer kann man gut vorausplanen. Und man hat ein gutes Kartenverständnis. Auto fahre ich jedenfalls immer noch ohne Navi.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

Alexander Lubina, 30, hat auf der Bahn, der Straße und im Wald deutsche Meistertitel gewonnen. Er siegte über 10 000 Meter im Stadion und auf der Straße sowie beim Orientierungslaufen auf der Sprintstrecke. Bei den World Games 2005 in Duisburg war er Botschafter für das Orientierungslaufen und plante auch die Strecke in seiner Heimatstadt Bottrop. Bis zu den nächsten World Games 2013 will er auf jeden Fall weiterlaufen.

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