Sport : „Ottmar Hitzfeld tut mir Leid“

Werder Bremens Trainer Thomas Schaaf über die Meisterschale, das Spiel bei den Bayern, über Loriot und seinen grauen Kapuzenpulli

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Herr Schaaf, Sie haben mal gesagt, dass Sie sich für Design interessieren. Wie finden Sie denn das Design der Meisterschale?

Es gibt sicherlich schönere Dinge. Aber wenn man die Schale in der Hand hält, ist sie wunderschön.

Und wie gefällt Ihnen das Gebilde Werder Bremen?

Im Moment ist Werder Bremen ein wunderschönes Gebilde, bei dem ein Teil ins andere passt. Es hat eine traumhafte Form, eine Eleganz, ein Strahlen, das vielen Menschen Freude bereitet.

Was steht für Sie im Vordergrund: die Form oder die Funktion?

Das eine hängt vom anderen ab. Sie können eine gewisse Form nur erreichen, wenn alles auch gut funktioniert. Dazu kommt, dass Sie immer genügend Temperament haben müssen, aber auch die notwendige Nüchternheit, gewisse Dinge umzusetzen. Emotionen alleine reichen nicht.

Wenn Sie am Samstag bei den Bayern unentschieden spielen, ist Werder so gut wie sicher Deutscher Meister. Werden Sie in diesem Fall der Funktion den Vorzug vor der Form geben?

Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass wir den Erwartungen, die in dieses Spiel projiziert werden, gerecht werden können. Oft ist das bei solchen Spitzenspielen nicht der Fall. Aber unser Anliegen ist es, auch in München gut zu spielen.

Was spricht dagegen, dass Ihnen das gelingt?

Der Tag. Das Spiel an sich. Sie können vorher vieles hineindenken. Und trotzdem werden Sie dann feststellen, dass sich nicht alle Erwartungen immer erfüllen. Das Frustrierende im Sport ist, dass es nicht zwingend Gerechtigkeit gibt.

Was gibt Ihnen das Gefühl, dass es in dieser Saison Gerechtigkeit gibt?

Wir wissen nicht, ob es Gerechtigkeit gibt. Wir wissen nur, dass wir alles getan haben.

Was haben die Attacken der Bayern bewirkt?

Bei mir bewirken sie nichts. Wir haben es in dieser Saison geschafft – und das ist jetzt wirklich keine Phrase –, uns immer auf die entscheidenden Dinge zu konzentrieren. Wir haben auch das andere nicht totgeschwiegen. Das wäre völliger Blödsinn. Aber es hat uns nicht beschäftigt.

Wie übertragen Sie die eigene Gelassenheit auf Ihre Spieler?

Indem ich ganz normal mit ihnen umgehe. Wir dürfen uns nicht in irgendwelche Situationen hineinpressen lassen.

Das heißt?

Das heißt, dass Ailton auch in dieser Woche zu Stefan Raab in die Sendung gehen kann, wenn er das will. Wenn wir es ihm verbieten würden, würde er sich tagelang damit beschäftigen und schlechte Laune haben.

Sie sind seit 1972 bei Werder, erst als Spieler, dann als Trainer. Könnten Sie mit Ihrer Art auch anderswo erfolgreich arbeiten?

Kann ich.

Auch bei Bayern München?

Bayern München hat einen Trainer. Ottmar Hitzfeld ist ein sehr guter, sehr erfolgreicher, sehr toller Fachmann. Mir tut es wirklich Leid, in welcher Art und Weise er zuletzt angegriffen wurde. Da frage ich mich: Mit welcher Berechtigung geschieht das eigentlich? Das sind Dinge, die ich nicht erleben möchte. Mir ist natürlich klar, dass es durch die Wahl meines Jobs irgendwann auch zu Veränderungen in meinem Leben kommen kann. Aber ich arbeite nicht auf irgendetwas hin. Für mich ist wichtig, dass ich etwas bewegen kann.

Können Sie das in Bremen auf Dauer?

Wenn man sagt, man kann bestimmte Dinge nicht verwirklichen, habe ich damit keine Probleme. Aber dann muss man die Ansprüche auch runterfahren. Bremen ist nun mal nicht das Wirtschaftswunderland. Wir haben nicht diese wahnsinnigen Möglichkeiten, die es in anderen Städten gibt.

Wissen Sie, was Ihre Spieler verdienen?

Das will ich gar nicht wissen. Ich könnte ungefähr sagen, wer eher mehr und wer eher weniger verdient. Aber die genauen Summen kenne ich nicht.

Sind Sie jemand, der aus Fehlern lernt?

Ich gebe mir Mühe.

Welchen Fehler hat Werder 1986 gemacht?

1986? Dass wir ein Spiel zu wenig gewonnen haben.

Damals hat FC Bayern Werder am letzten Spieltag abgefangen und ist Meister geworden.

Wir haben damals eine tolle Saison gespielt. Wir hatten auch am letzten Spieltag in Stuttgart gute Möglichkeiten. Ein Unentschieden hätte gereicht, aber wir haben verloren.

Gibt es etwas, was Sie aus dem damaligen Scheitern lernen können?

Daraus können Sie nichts lernen. Das ist zu weit weg.

Herr Schaaf, Sie haben auch eine Leidenschaft fürs Theater. In der Inszenierung Bundesliga ist Ihnen die Rolle des kühlen Norddeutschen zugedacht. Hätten Sie sich keinen anderen Part aussuchen können?

Ich habe mit dieser Rolle kein Problem. Das ist ja nichts Schlimmes. Sie wissen doch, wie ich anfangs beschrieben worden bin: dröge, spröde, maulfaul, unterkühlt. Inzwischen scheint sich das ein bisschen zu drehen, weil der eine oder andere eben nicht mehr abschreibt, was er irgendwo gelesen hat, sondern weil er sich selbst ein Bild macht.

Wann haben Sie festgestellt, dass Image wichtig ist?

Es ist für mich nicht wichtig. Ich will keine Rolle spielen. Ich will so rüberkommen, wie ich bin. Jeder soll sich seine Meinung über mich machen.

Ihre Spieler haben Ihnen vor fünf Jahren mal einen Lachsack zum Geburtstag geschenkt.

Ach, diese alte Geschichte.

Haben Sie den Sack mal benutzt?

Ich glaube, als ich ihn geschenkt bekommen habe, hat er gelacht. Der Lachsack. Aber ich schleppe ihn nicht ständig mit, um zwischendurch mal draufzudrücken. Ich habe sicher einen Humor, den der eine oder andere nicht direkt versteht. Aber darüber mache ich mir nicht viele Gedanken. Ich kann auch über Dinge lachen, die banal sind. Sogar albern.

Zum Beispiel?

Über Loriot. Ein fantastischer Mensch.

Haben Sie ihn mal kennen gelernt?

Nein, ich habe ihn mal kurz gesehen im Hotel. Leider hat sich nicht die Gelegenheit ergeben, ihn zu sprechen.

Haben Sie einen Lieblingssketch von ihm?

Ich könnte Ihnen etliche aufsagen.

Imitieren Sie ihn manchmal?

Nein. Wobei – vor kurzem wollte Premiere einen Trailer mit mir machen und hat mir einen Text in die Hand gedrückt. Vom Rhythmus her passte der überhaupt nicht. Normalerweise hast du einen solchen Satz ja sofort drin und haust ihn raus. Aber der erste Versuch hat dem Redakteur nicht gefallen. Der zweite auch nicht. Beim dritten habe ich dann gesagt: Ich heiße Erwin Lindemann, bin seit 66 Jahren Trainer, und am Sonntag spielt Bochum gegen Bremen. Ich wusste allerdings nicht, dass die das dann senden.

Was haben Sie eigentlich geplant für den Fall, dass Sie in München die Meisterschaft perfekt machen?

Wir haben nichts geplant. Wir fliegen ganz normal zurück nach Bremen.

Aber Ihre Frau wird sich doch etwas einfallen lassen?

Meine Frau? Die wird viel zu kaputt sein, weil sie den ganzen Tag bei meiner Tochter beim Korbball zugeschaut hat. Am Wochenende sind hier in Bremen die deutschen Meisterschaften. Ich hoffe, dass ich meiner Tochter am Sonntag zuschauen kann. Es ist das dritte Mal, dass sie in der Endrunde steht. Die Mannschaft spielt jetzt schon ein paar Jahre zusammen und hat diesmal ganz gute Chancen. Nicht unbedingt auf die Meisterschaft, aber auf einen der vorderen Plätze.

Wenn Ihre Tochter so trendy ist, dass sie Korbball spielt, dann hat Sie Ihnen wohl auch den grauen Kapuzenpulli aufgeschwatzt, den Sie bei Spielen immer tragen.

Nein, ein Zeugwart von uns hatte den Pulli mal in der Hand, da habe ich den angezogen.

In Bremen verkauft er sich jetzt wie verrückt.

Der ist sogar ausverkauft. Die Bremer flippen aus im Moment. Das ist klasse, echt irre. Wenn Sie sehen, was hier in Bremen los ist. Wie wir die Leute aufgeweckt haben. Wie wir sie zu Gedanken angeregt haben. Dass wir eine Identifikation geschaffen haben. Am Wochenende war ich in Cuxhaven. Das ist 70 Kilometer von hier. Da hängen Werder-Fahnen. In Cuxhaven. Und nicht nur eine. Acht. Überall ist Werder Bremen.

Aber all diese Leute werden auch sehr enttäuscht sein, wenn Werder nicht Meister wird.

Im ersten Moment wird das so sein, das andere, das Bild einer erfolgreichen Mannschaft, wird trotzdem bleiben.

Und welches Bild gibt der FC Bayern ab?

Das des Tabellenzweiten.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und

Michael Rosentritt.

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