Sport : Paradies mit Schönheitsfehlern

Wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, gilt Frankreich weithin als Vorbild – doch das stimmt nur zum Teil

Pascale Hugues

Berlin - Seit Jahren sind die Deutschen in endlose Diskussionen über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verstrickt, und begeistert bestaunen sie die französische Familienpolitik. Die DDR verfügte früher über ein vergleichbares System, doch das wird so gut wie nie erwähnt. Stattdessen erfährt man hierzulande aus wortreichen Zeitungsberichten, Frankreich sei das Paradies der berufstätigen Mütter, das Land der Krippen und Kindergärten, das Königreich der Steuervergünstigungen und finanziellen Vorteile, die mit der Geburt jedes weiteren Kindes großzügiger werden. Ein Land, in dem man die Wörter Rabenmutter und Schuldgefühle nicht kennt. In den Statistiken erscheinen die erfreulichen Früchte dieser Politik: In Frankreich arbeiten die meisten Mütter. Mit durchschnittlich 1,94 Kindern stehen die Französinnen in der Hitliste der gebärfreudigsten Europäerinnen auf Platz 2, übertroffen nur noch von den Irinnen. Die armen deutschen Frauen dagegen sind mit gerade noch 1,3 Kindern weit abgeschlagen, und dazu verzichten sie auf ihre Karriere und kämpfen mit dem schlechten Gewissen.

Wie immer schmecken die Kirschen in Nachbars Garten besser. Aber ein Schlaraffenland für Mütter ist Frankreich gewiss auch nicht. Zwar ist es dort leichter, Kinder großzuziehen und gleichzeitig zu arbeiten. Die staatlich vorgegebenen Rahmenbedingungen erleichtern die Alltagsorganisation und verringern die finanzielle Bürde. Das Dogma der mütterlichen Präsenz als einzige Quelle für das seelische Gleichgewicht der Kinder gilt in Frankreich als anachronistisch. Dennoch verlangt der Spagat zwischen Beruf und Kindern auch von den Französinnen – und in sehr geringem Maß von den Franzosen – eiserne Nerven, ausgeprägtes Organisationstalent und ein gut gefülltes Portemonnaie, besonders in Paris mit seinen horrenden Mieten und dem hektischen Lebensrhythmus. Es empfiehlt sich also, das von der deutschen Presse gezeichnete Idyll ein wenig zu nuancieren.

Frau Schmidt, die Mutter in meinen Deutschbüchern im Gymnasium, war so ganz anders als unsere französischen Mütter. Es waren die 70er Jahre. Frau Schmidt war Hausfrau; mit einer Rüschenschürze bekleidet bereitete sie die Mahlzeiten für ihre Kinder zu. Frau Schmidt arbeitete nicht. Ihre Kinder gingen nicht in den Kindergarten; sie kamen mittags aus der Schule. Für Herrn Schmidt war es Ehrensache, dass er allein den Lebensunterhalt der Familie verdiente. Mit Simone de Beauvoir im Nacken predigten dagegen in Frankreich viele Mütter schon damals die Tugend der finanziellen Unabhängigkeit. Darum vereinbarten schon die Mütter der jungen Französinnen von heute von jeher Familie und Büro, so wie manchmal schon ihre Großmütter. In Frankreich gibt es diesen deutlichen Bruch zwischen den Frauengenerationen nicht. Die Mütter werfen ihren Töchtern nicht vor, sie würden „Kinder in die Welt setzen, um sie dann wegzugeben!“. Der moralisierende Ton der Debatte wie in Deutschland wäre undenkbar. Und genau diese Gelassenheit, diese selbstverständlichere Möglichkeit von Mutterschaft und beruflicher Entfaltung trägt ebenso zu der hohen Geburtenrate in Frankreich bei wie die staatlichen Maßnahmen für die Kinderbetreuung.

Wenn sie denn funktionieren. Tatsächlich beginnt aber meist schon lange vor der Niederkunft die hektische Suche nach einem Krippenplatz, weil die meisten Mütter vier Monate nach der Niederkunft wieder arbeiten gehen. In Paris und anderen Großstädten muss man sich gleich nach dem positiven Schwangerschaftstest auf eine Warteliste setzen lassen. Man muss die Behörden hofieren und bis zum letzten Moment zittern, ob man sein Kleines auch wirklich unterbringen kann. Die Kosten für den Krippenplatz richten sich nach dem Gehalt und sind häufig sehr hoch. Wer kein Glück gehabt hat, muss eine „Nounou“, eine Kinderfrau, suchen, die häufig staatlich anerkannt und deren Lohn von den Steuern absetzbar ist. Aus Kostengründen entscheiden sich viele Familien für die „gemeinsame Betreuung“: Zwei Familien teilen sich eine Kinderfrau. Aber die bekannten Risiken bleiben. Was ist, wenn sie krank wird oder Urlaub nimmt? Wie kann man sichergehen, dass sie sich gut und klug um die Kinder kümmert? Was tun, wenn das Baby mit dieser frühen Trennung nicht zurechtkommt?

Erst mit drei Jahren besuchen alle Kinder die „Maternelle“, den Kindergarten, später dann die Ganztagsschule. Diese Einrichtungen sind kostenlos und obligatorisch. Zwar kritisieren die Franzosen ihr Schulsystem heftig, doch die Maternelle ist auch weiterhin vorbildlich. Qualifizierte Erzieherinnen beschäftigen sich mit den Kleinen, fördern ihre Sinne und ihren Intellekt. Die Ganztagsschule von 8 bis 16.15 Uhr mit einer Mittagspause und einer Kantine ist die Regel. Frankreich gehört zu den Ländern mit der intensivsten Beschulung: Der Unterricht wird am Nachmittag fortgesetzt (der Berliner Senat hat sich das Wort „Ganztagsschule“ angeeignet. Die Ganztagsschule à la française ist jedoch kein Hort, wo man am Nachmittag Hausaufgaben macht und unter den aufmerksamen Augen der Erzieherinnen spielt). Dazu gibt es am Samstagvormittag Unterricht, Zensuren von der ersten Klasse an und jeden Abend Hausaufgaben. „Ein bisschen erinnert das ans Militär“, vertraute mir neulich eine französische Grundschullehrerin an. In den Mittelschichtfamilien bezahlen die Eltern schon von den ersten Klassen an Nachhilfestunden, denn das Gespenst des „Schulversagens“ droht, und die Eltern haben unter der Woche keine Zeit, sich um die Hausaufgaben der Kinder zu kümmern.

Das System funktioniert perfekt – bis die Schule aus ist. Dann wird es kompliziert. Kein Arbeitgeber lässt es zu, dass eine besorgte Mutter das Büro um 16 Uhr verlässt, um ihre Kinder abzuholen. „Bist du vielleicht Beamter oder was?“, höhnte der Chefredakteur einer liberalen Zeitung jeden Nachmittag und klopfte auf seine Armbanduhr, wenn eine Kollegin schnell zusammenpackte, um ihr Baby von der Krippe abzuholen. Das System duldet weder Pannen noch Ausfälle. Was macht man mit den Kindern am schulfreien Mittwoch und in den zwei Monaten Sommerferien? Was macht man, wenn die Kinder Mumps haben? Wenn die Großeltern nicht eingespannt werden können, muss man eine weitere „Nounou“ anheuern, meist eine Studentin oder eine Afrikanerin, oder man muss die Putzfrau bitten, beim Bügeln ein Auge auf die Kleinen zu haben. Die Babysitterin holt die Kinder von der Schule ab, überwacht die Hausaufgaben, kümmert sich um das tägliche Bad und um die Mahlzeiten. Besonders in Paris kommen die Eltern erst zwischen 19 und 20 Uhr nach Hause, nach einer halben Stunde in der Metro und einem Abstecher in den Supermarkt, wo Tiefgekühltes für das Abendessen eingekauft wird.

Gerade noch Zeit für eine kurze Gutenachtgeschichte und ein wenig Schmusen, bevor die Kinder einschlafen. „Das ist doch kein Leben!“, stöhnen die Eltern, wenn sie auf dem Sofa zusammensinken, bevor am nächsten Morgen alles von vorne losgeht. Und die Kinder? Sie sind es, die vergessen werden, wenn ihr Leben um die unflexiblen Arbeitszeiten herum organisiert wird. Die kleinen Franzosen haben kein Recht auf Krankheit oder Träumereien. Schwierigkeiten in der Schule dürfen sie sich kaum leisten und auch nicht den ganzen Nachmittag spielen. Und dass sie nur nicht auf die Idee kommen, zu trödeln oder sich gegen ihre Zwangsjacke zu wehren. Wehe, wenn sie nicht im gehetzten Rhythmus ihrer Eltern funktionieren!

Selbst Frankreich, das Paradies, hat so manchen Schönheitsfehler.

Pascale Hugues ist Korrespondentin des Wochenmagazins „Le Point“.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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