Paralympic Day : 19 Schritte bis zum Balken

Thomas Ulbricht tritt beim International Paralympic Day beim einzigen offiziellen Wettkampf des Tages an, den offenen deutschen Meisterschaften im Weitsprung für Sehbehinderte.

Lorenz Vossen

Berlin - Bis zum weißen Schimmern sind es genau 19 Schritte. Oder 4,5 Sekunden. Würde sich das Weiß des Absprungbretts nicht vom Rot der Tartanbahn abheben, wären Schrittzahl und Anlaufzeit Thomas Ulbrichts einziger Anhaltspunkt beim Sprung ins Sandbecken. Denn der Weitspringer besitzt nur eine sehr eingeschränkte Sehkraft. „Makuladegeneration“ nennt sich seine Krankheit, die ihm zwei bis drei Prozent seiner Sehkraft gelassen hat.

Das Video des Internationalen Paralympischen Komitees konnte er während der Pressekonferenz am Donnerstag zum Beispiel nicht verfolgen. Zu bunt, zu schnell sind die Bilder, mit denen der Verband den heute am Brandenburger Tor (ab 10 Uhr) stattfindenden „International Paralympic Day“ bewirbt. Die Zuschauer erwartet ein Einblick in Sportarten wie Rollstuhlbasketball oder Blindenbiathlon. Thomas Ulbricht tritt beim einzigen offiziellen Wettkampf des Tages an, den offenen deutschen Meisterschaften im Weitsprung.

In zwei Klassen wird der Wettkampf mit internationaler Konkurrenz ausgetragen. Die schwer sehbehinderten Sportler bilden eine Startgruppe, die unterschenkelamputierten Athleten mit Prothesen die andere. Für die Sehbehinderten gelten die gleichen Bedingungen wie für nichtbehinderte Sportler. Obwohl sie Schwierigkeiten haben, das Absprungbrett zu treffen, dürfen sie nicht öfter übertreten als nichtbehinderte Springer. Fünfkämpfer Ulbricht will den Wettkampf nutzen, um an der Sieben-Meter-Marke zu kratzen – seine Bestweite im Weitsprung liegt derzeit bei 6,78 Metern. „Die 100 Meter, Speerwerfen und Weitsprung sind meine besten Disziplinen, die 1500 Meter und das Diskuswerfen mag ich weniger gerne.“

Der 24-Jährige trainiert im Sportforum Hohenschönhausen mit seinem Teamkollegen Matthias Schröder. Vor dem Training arbeitet er in der Bundesanstalt für Digitalfunk, wo er den Rechnungseingang betreut. Beinahe wäre er nach einem Praktikum Mitarbeiter im Merchandise-Controlling des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC geworden – doch dann lockte ihn ein Job im Bundesministerium des Innern. Ulbricht sagt: „Die Job-Sicherheit ist dort einfach höher. Außerdem kann ich den halben Tag trainieren.“

Erst als er acht Jahre alt war, bemerkten seine Eltern, dass ihr Sohn eine Sehbehinderung hat. Ulbricht wechselte in ein spezielles Internat und widmete sich in seiner Freizeit der Leichtathletik. Mit 18 Jahren bestritt er seine ersten Europameisterschaften. Lorenz Vossen

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