Paralympics : Mit glühendem Herzen – bereit für London 2012

In der mehrsprachigen Paralympics-Zeitung berichten internationale Schülerteams seit den Sommerspielen von Athen 2004 von der zweitgrößten Sportveranstaltung der Welt. Ein Projekt, für das der Tagesspiegel immer wieder mit Medienpreisen ausgezeichnet wird

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Franziska Ehlert friert, es ist kalt in Kanada. Schreiben bis in die Nacht, vier Stunden Schlaf, dann wieder raus zum Bus in die Berge, Anfahrt zum nächsten Interview – nicht wirklich entspannend. Doch die 18-jährige Schülerreporterin aus Hennigsdorf in Brandenburg strahlt am Rande der Skipiste in Whistler. „Ich bereue keine Sekunde, die ich auf meine Bewerbung und die Vorbereitung des Paralympics-Projektes verwendet habe“, sagt die Jugendliche im Schnee. „Das hier alles erleben zu dürfen, grenzt an unfassbares Glück.“ Gerade hat der armamputierte Skiabfahrtsläufer Gerd Schönfelder für Deutschland Gold geholt. Und im Zieleinlauf erfahren, dass er zum zweiten Mal Vater geworden ist. „Goose bumps“, wie die Kanadier sagen, Gänsehaut.

Franziska Ehlert ist eine der vielen Schülerinnen und Schüler aus aller Welt, denen der Tagesspiegel seit 2004 mit seinem Paralympics-Medienprojekt neue Welten und Perspektiven eröffnet. Seit den Olympischen Spielen der Athleten mit Körperbehinderungen in Athen hat sich diese Zeitung einem Sport verschrieben, der mit seinen charismatischen Protagonisten fasziniert und inspiriert wie kein anderer. Bei Paralympia spürt man noch den authentischen olympischen Geist.

Der Tagesspiegel entdeckte seine Begeisterung für die Menschen, die Lebenskrisen überwanden und nun als Idole Unmögliches möglich machen, als andere Medien den Behindertenleistungssport noch als Nischenveranstaltung abtaten. Zugegeben: Als die Redaktion vor gut sechs Jahren infolge ihres „Klasse“-Schulprojektes gefragt wurde, ob man Paralympics-Partner werden und jeweils am Austragungsort der zweitgrößten Sportveranstaltung der Welt ein internationales, mehrsprachiges Medienprojekt mit Jungjournalisten organisieren wolle, gab es viele Fragen. Wie geht man als Nichtbehinderter mit behinderten Athleten um? Welche sportlichen Höchstleistungen werden bei den Spielen erbracht? Doch Berührungsängste wurden im nahezu gleichen Tempo abgebaut, wie Extremskifahrer Michael Milton die Speedpiste herunterrast: 210 Stundenkilometer, mit einem Bein.

Die Paralympics-Zeitung begann als Liebhaberprojekt und ist längst ein Prestigeprojekt. Das ist auch unserem Partner im Hintergrund zu verdanken, der das logistisch aufwendige Vorhaben ermöglicht: Der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Das mehrsprachige Blatt der Spiele wird jeweils von unserem internationalen Schülerteam aus Deutschland und dem Olympia-Land am Austragungsort erstellt, gedruckt und vertrieben. Bei den Paralympics in China haben Landeskenner interessiert bemerkt, wie frei die Redakion im Land agieren konnte. Der frühere Bundespräsident Horst Köhler war stets Gast der Schülerredaktion. Sportminister Wolfgang Schäuble beschrieb unserem Blatt sehr persönlich sein Verhältnis zu Sport und den Athleten. Bundeskanzlerin Angela Merkel legt Wert darauf, unseren Nachwuchsjournalisten ausgiebig Rede und Antwort zu stehen. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit übernahm die Schirmherrschaft mit seinem Amtskollegen in Athen 2004, in Turin 2006, in Peking 2008 und in Vancouver 2010 gern.

Vergangenen Winter präsentierten kanadische Minister das Projekt des „Berlin Tagesspiegel from Germany“ in Vancouver. Für die Paralympics-Zeitung freute sich der Tagesspiegel schon früh über den German Paralympic Media Award; das gesamte Team auch unserer Partneragentur Panta Rhei sowie Schülerschreiber, Fotografen und Online-Kollegen wurden mit dem Sprachenpreis der Europäischen Union ausgezeichnet. Im Herbst werden wir den „World Young Reader Prize“ des Weltzeitungsverleger-Verbandes in San Francisco entgegennehmen.

Und alle stehen schon im Startblock für die Paralympics 2012 in London. Da sollen die Ausgaben der Paralympics-Zeitung nicht allein wie bei den Spielen in Kanada in einer Auflage von jeweils fast einer Million dem Tagesspiegel, der „Zeit“ und dem „Handelsblatt“ beiliegen. Dann können sogar Jugendliche aus ganz Europa das Blatt für ihre Heimatmedien erstellen. Auch London-Olympics-Repräsentant Lord Sebastian Coe, früherer Weltklasseläufer, freut sich schon auf das Projekt. Die Paralympics-Zeitung wird auch gelesen in Botschaften, Handelskammern, Goethe-Instituten, an Bord von Flugzeugen und in vielen Parlamenten der Welt. Und erstellt wird sie getreu dem Motto der Paralympics in Kanada „with a glowing Heart“, mit glühendem Herzen.

So viele unvergessliche Momente. Wenn man nach den Marathon-Tagen nachts im Hotel im Ausland plötzlich ein Fernsehporträt „seiner“ Schüler sieht. Und wie redegewandt sie sich als Gäste der Obama-Wahlnacht auf der ZDF-Bühne schlagen! Wie sie etablierten Sportreportern Nachhilfe im Paralympics-Regelwerk erteilen. Wie sie nachts um eins noch auf Redaktionssitzungen diskutieren. Wie sie in Peking das Taxi dirigieren, obgleich der Fahrer den Stadtplan auf dem Kopf hält. Wie sich Ex-Schülerreporterin Angie Wu darüber freut, dass sie an Eliteunis in den USA angenommen wurde. Wie selbstverständlich die Jugendlichen dem Langläufer mit Contergan-Ärmchen die Hand geben, und wie sie die Scheu vor Prominenten verlieren. In den Athleten nicht mehr den vermeintlich Behinderten sehen, sondern den Menschen. Wie Tränen kullern, wenn die Paralympische Flamme bei der Abschiedszeremonie im vollen Stadion erlischt. Schülerin Franziska Ehlert ist nicht die einzige, die findet, „das ist der coolste Job der Welt.“

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