Paralympics-Tagebuch (3) : Gondelfahrt in London City

Wie es einem Englishman in New York geht, ist bereits besungen worden. Doch wie findet sich ein Deutscher vom Lande in London zurecht?

Benjamin Scholz
Zurück bei den Kollegen: Schülerreporter Benjamin Scholz (M.) mit Keri Trigg (l.) und George Simonds von der "Paralympics Post" vor dem Museum of London Docklands, West India Quay in London.
Zurück bei den Kollegen: Schülerreporter Benjamin Scholz (M.) mit Keri Trigg (l.) und George Simonds von der "Paralympics Post"...Foto: Thilo Rückeis

Als Deutscher vom Land in einer Stadt von Welt – da sind Schwierigkeiten vorprogrammiert. Ein beeindruckendes U-Bahn-System durchzieht die Metropole und ist nicht einmal besonders schwer zu verstehen. Ich jedenfalls wusste im Grunde genommen, wie ich vom Reiten im Greenwich Park zum Tischtennis im Excel-Center fahren musste. Was ich nicht wusste: Mit welchem Bus würde ich zur U-Bahn-Station kommen? Verwirrt starrte ich auf den Busfahrplan und gewann die Erkenntnis, keine Fortschritte zu machen.

An dieser Stelle kommt jetzt der Zufall ins Spiel. Ich war nicht alleine an der Bushaltestelle, im Gegenteil, ich hätte eine Handvoll Leute ansprechen können. Nachdem mir eine Frau nicht weiterhelfen konnte, sprach ich eine fünfköpfige Familie an. Ein Glücksfall für mich, wie sich wenig später herausstellen sollte, und ein einmaliges Erlebnis: David, der Vater der Familie, dachte gar nicht daran, mir den Weg zur U-Bahn-Station zu sagen. Nachdem er erfahren hatte, wo ich hin wollte, meinte er, ich sollte mich einfach seiner Familie anschließen. Also stieg ich mit David & Co. in den Bus und musste dem interessierten Engländer erzählen, warum ich wie in London bin. Ein wenig wunderte ich mich währenddessen allerdings schon, wo die Reise hingehen sollte. Weil der Endhaltestelle "Woolwich" eigentlich nicht zum Ziel "Excel-Center" führte. Egal, ich vertraute David. Schließlich hatte er mir kurz zuvor alle Familienmitglieder namentlich vorgestellt und mich als "Teil seiner Familie" begrüßt.

Wir stiegen also an einer mir bis dahin unbekannten Bushaltestelle aus – weit und breit kein Excel-Center zu sehen. Dafür fiel mein Blick sofort auf etwas anderes: Eine Gondel, die über einen Fluss führte. Da endlich verstand ich, was David versucht hatte, mir kurz zuvor zu erklären. Lächelnd erkannte ich den Sinn in seiner Erklärung des englischen Wortes für „Seilbahn“. Jetzt wusste ich, warum er vom Skifahren gesprochen hatte.

Bildergalerie: Das Schülerreporter-Team der Paralympics 2012

Die Schülerreporter
Gruppenbild der Schüler und Referenten am ersten Tag beim Workshop der Paralympic Post / Paralympics Zeitung im "Hillscourt Education Centre" in Rednal bei Birmingham in England. Die Schülerinnen und Schüler werden von den Paralympics 2012 in London berichten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 20Foto: Thilo Rückeis
06.06.2012 15:52Gruppenbild der Schüler und Referenten am ersten Tag beim Workshop der Paralympic Post / Paralympics Zeitung im "Hillscourt...

Wir gingen in Richtung der Gondel, sie sollte uns direkt vor das Excel-Center führen. 3,20 Pfund für eine Überfahrt. Okay, das kann man ja mal zahlen. Obwohl ich mit meiner "Oyster Card" Bus und Bahn eigentlich kostenlos benutzen darf, war der Preis die nette Bekanntschaft in jedem Fall wert. Doch es sollte noch besser kommen. Ich durfte nicht zahlen. David ließ sich nicht von dem Gedanken abbringen, auch für mich ein Ticket zu kaufen. Also gut – bei so viel Gastfreundlichkeit sage ich nicht nein.

Nach der netten Überfahrt sah ich mich durchaus in der Lage, das Excel-Center selber zu finden. Aber David hatte seine Mission noch nicht erfüllt. Mitsamt seiner Familie nahmen sie einen Umweg in Kauf, um mich direkt vor dem Eingang abzusetzen. "It’s time to say goodbye." Schade, dass ich mich nach so einer kurzen Zeit von David und Familie verabschieden musste.

Ich nehme vor allem Eines aus dem Treffen mit David mit: Tolle Menschen gibt es überall auf der Welt, genauso wie Fremdenfreundlichkeit. Was mich indes noch bis heute beschäftigt: Egal ob auf dem Land oder in der Stadt – wäre so etwas in Deutschland je möglich gewesen?

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