Sport : Pflicht und Schuld

Trotz seiner Enttarnung als Stasi-IM stehen viele in Chemnitz hinter Ingo Steuer – auch sein Verein

Frank Bachner

Berlin - Gestern morgen entdeckte Klaus Steffan in der eingegangenen Post einen Brief, der einem Appell ähnelte. „Ingo Steuer soll bloß nicht auswandern oder wegziehen“, las Steffan, der Vorsitzende des Chemnitzer Eislaufvereins, als er in der Geschäftsstelle des Klubs stand. „Das Ganze ist doch so lange her, der Ingo hat doch als Trainer sehr gute Arbeit gemacht.“ Steffan kannte den Absender nicht, aber die Argumentation kommt ihm sehr bekannt vor. Ingo Steuer, Trainer der Vize-Europameister Robin Szolkowy/Aljona Sawtschenko, ist als Stasi-Zuträger „IM Torsten“ entlarvt worden, deshalb soll er nicht ins Olympiateam von Turin. Aber zu Hause, in Chemnitz, da halten viele zu ihm. Nach einer Umfrage des MDR-Fernseh-Regionalmagazins „Sachsenspiegel“ votierten von 11 000 Anrufern 86 Prozent für die Olympia-Teilnahme des Trainers.

Wenn Steffan befragt worden wäre, dann hätte er ebenfalls „Ja“ zu Steuer gesagt. Der frühere Paarlauf-Weltmeister Steuer ist zwar Sportsoldat, erhält aber vom Chemnitzer Eislaufverein zusätzlich eine Pauschale von 150 Euro für seine Arbeit. „Als Trainer ist er sehr gut“, sagt Steffan, „und danach bewerten wir ihn. Da halte ich als Vereinsvorsitzender meine Hand über ihn.“ Und er hat bis jetzt noch niemanden gesprochen oder gehört, der das anders sieht. „Meinungen gegen Steuer kenne ich nicht aus den Gesprächen, die ich geführt habe.“

Nun kann man allerdings auch Steuer in seiner Eigenschaft als „IM Torsten“ bewerten, der die Stasi über verbotenen Videohandel von zwei Klubkollegen informierte, die möglichen Fluchtgedanken einer Eiskunstläuferin weiter erzählte und für seine Mitarbeit Geld kassierte.

Aber da argumentiert Steffan gerne aus der Sicht eines Juristen, schließlich ist er Staatsanwalt in der Staatsanwaltschaft Chemnitz. „Ingo Steuer hat das geliefert, was der Staat von ihm verlangt hat. Er hat als Zeuge geliefert, was er liefern musste“, meint Steffan. „Nach dem Strafrecht der DDR hat er sich nicht strafbar gemacht.“ Er sieht Steuer nun gewiss „nicht in der weißen Weste“, aber „relativieren“ will er seine Tätigkeit schon. „Ich kann mir vorstellen, dass er sich von der Stasi zur Mitarbeit gedrängt gefühlt haben mag.“

Steffan stammt aus Südhessen, er kam 1993 nach Chemnitz. Er kennt noch die beklemmende Situation beim Eintritt in die DDR am S-Bahnhof Friedrichstraße. „Da stehen Sie in dieser kleinen Kabine. Da fühlen Sie sich auch bedrängt. In so einer Situation machen Sie, was man von ihnen möchte.“ Steuer habe möglicherweise ein ähnliches Gefühl gehabt. „Auf jeden Fall muss er das alles selber mit den Menschen ausmachen, über die er berichtet hat.“ Den Vereinsvorsitzenden interessiert eigentlich mehr, „weshalb das Ganze jetzt so viele Jahre nach der Wende wieder auftaucht“. Als Eiskunstläufer mit seiner Partnerin Mandy Wötzel sei er gut genug gewesen für den deutschen Sport. Steuer und Wötzel gewannen 1997 den WM-Titel.

Die nächste Entscheidung in Sachen Steuer fällt am Montag in Berlin. Dann befindet das Amtsgericht darüber, ob das Nationale Olympische Komitee Steuer zu Recht aus dem Olympiateam ausgeschlossen hat. Legt eine Seite gegen das Urteil Berufung ein, wird es zeitlich eng. Denn Szolkowy/Sawtschenko müssen bereits am Samstag in Turin auf dem Eis stehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben