Sport : Philosophie mit Phantasie

Für Bundestrainer Greg Poss beginnt die Vorbereitungsphase auf die WM – der Deutsche Eishockey-Bund traut dem US-Amerikaner langfristig viel zu

Claus Vetter

Berlin - Der erste Sieg unter dem neuen Bundestrainer war eigentlich keiner. Trotzdem wirkte Greg Poss am Sonntag in Hamburg nach dem Showspiel zwischen der Nationalmannschaft und der Auswahl von ausländischen Profis aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) entspannt. 9:7 hatte das Team von Poss gesiegt, und der Trainer sagte: „Es war wichtig zu gewinnen. Auch wenn die echten Spiele erst jetzt kommen.“

Das erste echte Spiel gibt es am Mittwoch: Dann spielen die Deutschen in Krefeld gegen Kanada, bevor sie dann am Wochenende bei einem Turnier in Budapest auf denselben Gegner, die Slowakei und auf Ungarn treffen. Es ist für Poss die zweite Testphase vor der Ende April beginnenden Weltmeisterschaft in Wien. Die erste Länderspielserie endete für den US-Amerikaner beim Deutschland-Cup bescheiden: Vier Niederlagen in vier Spielen gab es im November für den Nachfolger von Hans Zach. Der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) maß den Resultaten aber wenig Bedeutung bei und einigte sich mit Poss auf ein unbefristetes Engagement als Bundestrainer – mit beidseitiger dreimonatiger Kündigungsfrist.

Ein ungewöhnliches Arbeitsverhältnis im Sport. Hans-Ulrich Esken sieht es anders. Der DEB-Präsident redet von „Philosophie“ und „Phantasie“ und davon, dass er Poss, der im April seinen Zweitjob beim DEL-Klub Nürnberg Ice Tigers aufgibt, zutraut, das deutsche Eishockey langfristig nach vorn zu bringen. „Wir brauchen einen Trainer, der ein System für die kommenden fünf Jahre entwickelt“, sagt Esken. „Poss soll schon bei den 14-jährigen Spielern eine Elite heraussuchen, Spieler aufbauen.“ Aufbauarbeit ist auch nötig. Schließlich hat die Nationalmannschaft im Vorjahr bei der WM in Prag nach phantasielosen Darbietungen erstmals seit drei Jahren das Viertelfinale verpasst. „Das war Stillstand“, sagt Esken. „Die Philosophie von Zach hieß: nur nicht verlieren, nur nicht absteigen. Auf Dauer war das nicht mehr richtig.“

Poss hat künftig im Gegensatz zu Zach den Vorteil, sich nur dem Nationalteam widmen zu können. Dass er im neuen Job wie sein Vorgänger nicht konfliktscheu ist, hat er schon bewiesen: Als Verteidiger Mirko Lüdemann für die Testspiele absagte, monierte Poss: „Ich frage mich, wie er bei der WM motiviert sein will, wenn er jetzt schon über Müdigkeit klagt.“ Der Kölner gab daraufhin seinen Rücktritt als Nationalspieler bekannt. Esken unterstützt seinen Bundestrainer aber auch hier. „Es kann nicht sein, dass Stars wie Olaf Kölzig, Marco Sturm und Jochen Hecht mit uns herumtingeln und ein anderer Spieler nur zur WM mitfahren will.“

Trotz dieser ersten unerfreulichen Episode sei Poss jemand, der das deutsche Eishockey prima verkaufen könne und „keine Nörgeltype“, findet Esken. So wie das Zach manchmal ist. Doch der kantige Tölzer hatte als Bundestrainer eben lange Erfolg. Erfolg, der Poss noch fehlt. Poss will sich daher „möglichst bald“ über seinen ersten richtigen Sieg als Bundestrainer freuen, sagt er. Denn auch neue Philosophien lassen sich mit Niederlagen in Serie nicht gut verkaufen.

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