Sport : Pierre Littbarski im Interview: "Berti ist unser Reiseleiter"

Guten Tag[Herr Littbarski. Funktioniert der neue]

Pierre Littbarski (40) begann als Siebenjähriger beim VfL Schöneberg. Für 25 000 Mark Ablöse wechselte er 1978 von Hertha Zehlendorf zum 1. FC Köln, wo er Nationalspieler (73 Einsätze) und 1990 Weltmeister wurde. In Japan beendete er seine Profikarriere.

Guten Tag, Herr Littbarski. Funktioniert der neue Mannschaftsbus?

Ja, aber woher wissen Sie denn, dass ich den gerade getestet habe?

Hat uns ein Spieler erzählt. Aber warum muss das denn ein Kotrainer machen?

Einer musste hin, weil es um die Einteilung der Sitze ging. Wo kommt ein kleiner Spieler hin, wo der lange? Der eine Spieler will nur am Gang sitzen, der andere nur am Fenster, die haben doch alle ihre Vorlieben. Hat aber auch was mit Aberglaube zu tun. Der Masseur sitzt nur vorne links, da kann dann keine lange Bank hin. Aber denken Sie ja nicht, dass ich mich in Leverkusen nur mit solchem Kram beschäftige.

Genau darüber wollen wir reden, über Bayers so genanntes Funktionsteam. Cheftrainer Berti Vogts hat sich gleich drei ehemalige Nationalspieler als Assistenten geholt. So etwas gab es in der Bundesliga noch nie.

Die Idee stammt von Berti Vogts, der ein starkes Trainerteam um sich rum haben wollte. In der täglichen Arbeit unterscheiden wir uns wohl gar nicht von den Bayern. Die haben auch vier Trainer, wenn man neben Sepp Maier als Torwarttrainer noch den Gerd Müller dazu nimmt.

Sie sind also der Gerd Müller Leverkusens?

Wir teilen das nicht so sehr ein wie die Bayern, wo sich der Gerd um die Stürmer kümmert. Klar ist aber, dass ich den Stürmern eher mal einen guten Tipp geben kann, Wolfgang Rolff wird den Abwehrspielern bessere Ratschläge geben können. Und Toni Schumacher kümmert sich um die Torhüter.

Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag des Funktionsteams aus?

Wir vier treffen uns morgens immer für 45 Minuten und diskutieren die nächste Trainingseinheit. Der Berti fragt dann in die Runde, was wir in Hinblick auf den nächsten Gegner stärker in den Vordergrund der Übungen stellen sollten.

Sie geben vor, was Vogts dann absegnet?

Nein. Er hat auch ein paar Übungen im Kopf. Da kann es dann schon mal zu heftigen Diskussionen kommen, weil nicht jeder der gleichen Auffassung ist. Wir wollen ja alle das Beste herausholen.

Wer macht die Aufstellung?

Der Berti, der hat hier das Sagen. Er fragt uns, was wir denken, aber am Samstag sagt er, wie wir es machen. Und dann gibt es auch keine Diskussion mehr.

Sie sind vier ganz eigene Charaktere. Wie sinnvoll lässt sich das bündeln, ohne dass sich einer übergangen fühlt?

Wenn es so wäre, wie Sie sagen, wäre es kontraproduktiv. Es geht ja nicht darum, dass sich einer mit Macht durchsetzen muss. Uns geht es auch nicht darum, in der Öffentlichkeit zu sagen, ja, das war meine Entscheidung. Da wird ja auch immer spekuliert, ja, der Littbarski hat seine Probleme, wenn der Vogts so entscheidet.

Ach so?

Klar, als wir mal drei Spiele hintereinander verloren haben. Da wurde dann gleich die Funktionstüchtigkeit des Funktionsteams in Frage gestellt. Jetzt, wo es erfolgreicher läuft, machen wir nichts anders. Es geht nicht darum, dass hier irgendeiner beleidigt ist.

Sie wollen uns doch aber nicht weismachen, dass die prominenten Kotrainer von Leverkusen ewig im zweiten Glied stehen wollen.

Das sagt auch keiner. Sehen Sie, wenn ich in der Woche mal 20 Minuten allein auf dem Trainingsgelände stehe, kommen gleich die Leute auf mich zu und fragen: Mensch, Litti, willst du nicht mal Cheftrainer werden?

Und, wollen Sie?

Ich mache mir keine Gedanken darüber. Das kommt später mal. Toni Schumacher war es schon in Köln, Wolfgang Rolff in Meppen. Und ich habe drei Jahre lang in Japan als Chef gearbeitet. Übrigens ohne Kotrainer.

Gibt es denn Trainingsinhalte, die Sie aus Japan mitgebracht haben?

Ja, aber der Ulf Kirsten hat sie mir schon verboten. Ich hatte so ein paar Techniker-Übungen mitgebracht. Wenn ich mich so in der Bundesliga umsehe, ist das ja eine Katastrophe. Ich habe mir schon kleinere Fußbälle bestellt. Damit kriegt man ein besseres Ballgefühl. Wir haben hier vergleichsweise ganz gute Spieler, aber das reicht immer noch nicht.

Wie kommt das bei den Spielern an?

Die Spieler von heute sind nicht mehr so begeisterungsfähig. Die meisten arbeiten stur nach Plan. Die kommen zum Training, machen ihr Ding und fahren anschließend wieder nach Hause. Wenn einer heute zwei Millionen Mark im Jahr verdient, der könnte sich ja irgendwann sagen: Mensch, uns geht es aber gut, wir müssen doch gar nicht Meister werden.

Gibt es denn bei Bayer Leverkusen Spieler, die Sie nicht kannten?

Ja, ein paar schon, bei mir ist das ja auch schon ein Weilchen her. Unser Argentinier Placente wusste nicht mal, dass ich Freistöße schießen kann. Na, wir haben mal um eine Cola geschossen, und dann war die Sache ganz schnell erledigt.

Eingeweihte behaupten, Bayer hätte Sie verpflichtet, weil Sie das genaue Gegenteil von Berti Vogts sind.

Vogts wollte diesen Job nur übernehmen, wenn er diesen Trainerstab um sich haben durfte. Er hatte mich vorgeschlagen. Klar weiß er, dass ich aus Berliner Tagen eine große Klappe habe. Und er meinte wohl, dass ihm ein solcher Charakter noch fehlt. Aber das Gegenteil? Ich glaube, da schätzen Sie den Berti falsch ein.

Sie können uns gern korrigieren ...

Na, der Berti ist ja im Privatbereich ganz anders. Er hat sich in den letzten Monaten auch ganz schön verändert gegenüber der Öffentlichkeit, er ist lockerer geworden. Aber in der Arbeit ist er nun einmal ein Perfektionist, und das verlangt er auch anderen ab und deswegen erscheint er manchmal so ein bisschen starrköpfig und unflexibel. In Wirklichkeit ist er ganz locker ...

... und erzählt Blondinenwitze?

Nein, die sind ja jetzt ein bisschen out. Wir nennen den Berti unseren Reiseleiter, weil er in der ganzen Welt rumgekommen ist. Dann kommt er ins Plaudern und Schwärmen und ist nicht der Oberlehrer.

Welche Art wird sich in Leverkusen durchsetzen? Werden Sie ein bisschen wie Vogts, oder wird Vogts ein bisschen wie Sie?

Es wäre ja schlimm, wenn Vogts so werden würde wie ich. Der ist jetzt 54 und zufrieden damit, wie er ist. Bei mir ist es so, dass ich mir ein paar Sachen von ihm abgucke. Aber ich kann mir nicht denken, dass er möchte, dass ich so werde wie er.

Sind Sie streng?

Durch meine nette und zuvorkommende Art könnte man denken, dass ich alles laufen lasse. Ich glaube, man muss sich der jeweiligen Situation anpassen. Aber manchmal wollen ja auch die Spieler bestraft werden.

Sie wären vor ein paar Wochen auch beinahe bestraft worden.

Sie meinen nach dem Spiel in Rostock ...

... als Sie im Fernsehinterview den Schiedsrichter heftig kritisiert haben. Der DFB-Schiedsrichtersprecher Manfred Amerell hat Berti Vogts danach öffentlich aufgefordert, er möge seinen Wachhund zurückpfeifen.

Ach, der Amerell. Ein gescheiterter Bundesliga-Manager, der hat nun mal eine Profilneurose. Da kann man ja nichts machen. Dass man mal meckert und eine Entscheidung anzweifelt, gehört ja zum Geschäft dazu. Unsere Bundesligaschiedsrichter aber halten sich für die besten der ganzen Welt. Wenn du sie kritisierst, dann wirst du abgestraft.

Ihr früherer Mitspieler Bernd Schuster hat sich ähnlich geäußert.

Wahrscheinlich auch auf Premiere, oder? Der Bernd hat ja früher nie etwas gesagt, deswegen muss er wohl heute zu denen ins Studio rennen und irgendetwas faseln. Ich kann mich nicht einmal ärgern über ihn.

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