Sport : Pimp my Schläger

Trotz Verbots motzen Tischtennisprofis ihr Gerät auf

Jörg Petrasch[St. Petersburg]

Tischtennis war bisher der fairste Sport der Welt. Bei Netz- und Kantenbällen entschuldigen sich die Spieler. Und ein unrechtmäßig erworbener Punktgewinn, etwa durch eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters, wird gewöhnlich von den Spielern selbst korrigiert. Doch mit dem Fairplay scheint endgültig Schluss zu sein. Bei den Europameisterschaften in St. Petersburg wird gemogelt, was das Zeug hält. Mehr noch: Es wird gedopt. Beim Tischtennis ist Doping aber nicht gleich Doping: Hier wird getunt.

„Etwa 90 Prozent der Spieler tunen“, schätzt Rekordnationalspieler Jörg Rosskopf, der in Russland als Assistenztrainer für den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) dabei ist. Selbstverständlich wird beim Tischtennis nicht richtig gedopt: Immense Ausdauerleistungen oder üppige Muskelberge sind für diesen Filigransport nicht nötig oder gar hinderlich. Auch dopt der Sportler nicht seinen Körper, er dopt sein Material. Genauer gesagt: die Beläge.

Timo Boll und seine Kollegen haben ihr Mannschafts-Gold vom Dienstag sauber erschmettert. Doch viele andere Nationen und Spieler halten sich nicht an das Tuning-Verbot, das der Tischtennis-Weltverband (ITTF) für die Zeit nach den Olympischen Spielen in Peking festgelegt hat. Und das hat einen einfachen Grund: Die ITTF hat eine Regel formuliert, deren Einhaltung sie gar nicht kontrollieren kann. Und jeder weiß das.

Die Frischkleber waren immens beliebt, weil die darin enthaltenen, giftigen flüchtigen Lösungsmittel in den Belagschwamm eindringen, ihn unter Spannung setzten und so dem Ball mehr Geschwindigkeit und Rotation verleihen. Das Ergebnis für den Spieler: weniger Kraftaufwand, mehr Effekt.

Die Tischtennis-Industrie arrangierte sich mit dem Frischklebeverbot und entwickelte eine neue Generation von Belägen – die so genannten Tuner, die den Belag schneller machen, aber nahezu ungiftig sind. Doch dann erließ die ITTF ein weiteres Gesetz, das jegliche Manipulation der Beläge und deren Spieleigenschaften verbietet. Der Belag soll nun so gespielt werden, wie er aus der Verpackung kommt. Eigentlich eine gute Idee. Und gleichzeitig das Aus für die Tuner. Die Deutschen halten sich bisher strikt an die Gesetze. „Wir haben uns vor der EM darauf festgelegt, keine Tuner zu verwenden“, sagt Männer-Bundestrainer Richard Prause.

Andere tunen fleißig weiter, weil sie sich einen spielerischen Vorteil erschleichen wollen. Und den sieht man mit bloßem Auge, auch wenn die Schlagtechnik natürlich weiterhin von Bedeutung ist. Die deutschen Frauen sprachen während des Team-Wettbewerbs beispielsweise davon, mal wieder gegen den „TTC Tuning“ gespielt zu haben.

Aber immerhin: Die giftigen Frischkleber sind anscheinend verschwunden. In St. Petersburg wurde bisher noch kein Schläger positiv getestet. Allerdings sind auch nur vier Kontrollgeräte im Einsatz. Und wenn ein Gerät dann „rot“ anzeigen sollte, darf der Spieler auch seinen Ersatzschläger benutzen. Beispielsweise einen getunten. Tischtennis wird natürlich auch gespielt in Russland: Timo Boll steht im Einzel nach einem Sieg über Michael Maze im Halbfinale und zusammen mit Christian Süß im Doppel-Finale.

0 Kommentare

Neuester Kommentar