Sport : Plädoyer gegen die Teilzeitarbeit

Rich Parent oder Oliver Jonas – mit welchem Torhüter gehen die Berliner Eisbären in die Play-offs?

Claus Vetter

Berlin. Es war im Hochsommer, Anfang August, und die Berliner Eisbären hatten ihre erste Übungseinheit der neuen Saison. In der kleinen Trainingshalle im Sportforum kam mancher schon ins Schwitzen, ohne sich übermäßig bewegt zu haben. Über 30 Grad draußen, um die 20 Grad drinnen. Zu heiß für Eishockey. Trainer Pierre Pagé fehlte gar beim Trainingsauftakt. Es hätte dem Kanadier vielleicht auch nicht gefallen, was sich da auf dem Eis so abspielte. Pagé ist ein Mensch mit Humor, doch in seinem Beruf setzt er dem eigenen Verständnis für Komik enge Grenzen. Erst einmal hatte Rich Parent aus der Sommerpause nicht das Idealgewicht mitgebracht, und dann spielte der neue Torhüter beim ersten Training auch noch eine kleine Komödie vor. Parent parierte auf dem Eis Pucks für die Fotografen – ohne Maske. Ein Mitarbeiter der Eisbären befand: „Wir haben einen neuen Spaßvogel.“

Doch schnell war klar, dass bei den Berlinern in der Torwartfrage der Spaßfaktor gering war. Der aus Kassel gekommene 31-jährige Kanadier Parent qualifizierte seinen Kollegen Oliver Jonas als „nice kid“ ab und erklärte, er wolle „alle Spiele machen“. Jonas, von Parent als „netter Junge“ bezeichnet, verhehlte nicht, dass er nach dem Wechsel von Richard Shulmistra nach Mannheim und guten Leistungen bei der Weltmeisterschaft in Finnland auf die Nummer eins im Tor spekulierte: „Aber die Entscheidung darüber liegt ja nicht in meiner Macht.“

Sieben Monate später ist der Machtkampf um die Position im Tor nicht entschieden. Jonas hat ein Spiel mehr absolviert als Parent, der Deutsche hat 2,27 Gegentore im Schnitt pro Spiel kassiert, der Kanadier 2,36. Ein minimaler Unterschied. Wer soll denn nun in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft bei den Berlinern das Tor hüten? „Beide hätten es verdient“, sagt Manager Peter John Lee. Zudem sei es so, dass Jonas und Parent in ihrem Spielstil keine großen Unterschiede offenbarten, sich die Mitspieler also nicht immer wieder umstellen müssten. „Das war früher bei Shulmistra anders“, sagt Lee. Und Pagé verweist darauf, dass in der nordamerikanischen Profiliga NHL schon Teams mit zwei Torhütern im Wechsel in den Play-offs gespielt haben, Edmonton und Toronto hätten mit diesem System sogar den Stanley Cup geholt, den Titel der NHL.

Gehen die Eisbären mit einem ersten Torwart in die Play-offs? Darüber will Pagé Anfang dieser Woche entscheiden, und wenn er denn einen herauspickt, wird es wohl Parent sein. Das lässt sich seinen Äußerungen entnehmen. „Rich hat während der Saison dreieinhalb Kilo abgenommen, das ist doch erstaunlich“, sagt er etwa. Oder: „Der Torwart, der auswärts besser spielt, steht in den Play-offs im Tor.“ Daran gemessen, sieht es für Jonas nach seinem Auftritt am Freitag in Frankfurt düster aus. Bei der 5:6-Niederlage nach Penaltyschießen sah der Nationaltorhüter unglücklich aus. Lee sieht es nicht so: „Olli hat keine Fehler gemacht. Da waren zwei Überzahltore dabei, dann eine Überzahlsituation. So etwas kann passieren.“

Es sieht so aus, als seien sich Trainer und Manager in der Torhüterfrage nicht ganz einig. Die Betroffenen empfinden die Teilzeitarbeit zwischen den Pfosten allerdings auch nicht als angenehm. Die Einstellung von Parent zum Thema war schon vor der Saison klar. Auch der Kommentar von Jonas ist eindeutig: „Dazu sage ich lieber nichts, und damit habe ich ja schon eine Menge gesagt.“

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