Sport : Platz drei muss her

Portugals Trainer Scolari will Deutschland schlagen und dann wohl pausieren

Sven Goldmann[München]

Am späten Mittwochabend hat Luiz Felipe Scolari einen Vortrag über die Ungerechtigkeit in der Welt gehalten. Über böse Schiedsrichter, die immer nur den anderen die Elfmeter zusprechen, ohnehin sei es für ein kleines Land wie Portugal unermesslich schwer, bei einer Weltmeisterschaft so weit zu kommen, das Halbfinale sei ein großer Erfolg. Jetzt müsse eben Platz drei her, im Spiel gegen Deutschland, eine weitere Großmacht. Das kleine Portugal werde es schon irgendwie schaffen.

Wer den portugiesischen Trainer früher hat reden hören und seinen Werdegang kennt, der wird den Schmerz gespürt haben, der ihn nach dem Halbfinal-K.o. gegen Frankreich peinigte. Luiz Felipe Scolari liebt es, die großen Mächte aus der Rolle des Außenseiters herauszufordern. Sein historisches Vorbild ist Sun-Tzu, ein chinesischer Feldherr, dessen Abhandlung „Die Kunst des Krieges“ als die weltweit erste über militärische Strategie gilt. In der Schlacht von Chu schlug er mit 30 000 Soldaten eine zehnfache Übermacht. Scolari vergleicht Fußball gern mit Krieg, Spiele sind für ihn die Schlachten der Neuzeit. Heute schlägt er seine letzte bei dieser WM. Und ganz egal, wie das Spiel um Platz drei ausgeht, das portugiesische Volk wird ihm zu Füßen liegen.

„Scolari geht!“ titelte derweil schon die portugiesische Zeitung „Record“ im Hinblick auf anstehende Entscheidungen. Der Trainer, dessen Vertrag am 31. Juli ausläuft, wolle sich einige Monate Ruhe gönnen. Angebote von Klubs aus Spanien und Italien soll er abgelehnt haben. Nächste Woche trifft sich Scolari mit Portugals Verbandspräsident Gilberto Madail. Spätestens danach, so heißt es, soll die Trennung offiziell bekannt gegeben werden.

Im Definitionsrahmen seiner eigenen Gedankenwelt ist Scolari ein Legionär, angeheuert in Brasilien, der größten der ehemaligen Kolonien Portugals. Selbst Deco, der vor drei Jahren eingebürgerte Brasilianer, singt mittlerweile die portugiesische Nationalhymne mit. Scolari bleibt stumm. Er mag sich nicht anbiedern, aber er schätzt die Zuneigung, die man ihm in Portugal mittlerweile entgegenbringt. Das war nicht immer so, seitdem er vor drei Jahren das Amt des Nationaltrainers antrat. Scolari war gerade mit Brasilien Weltmeister geworden, aber das machte ihn in den Augen der Portugiesen eher suspekt, denn mit den Brasilianern können sie längst nicht so gut wie etwa mit den Angolanern oder Mosambikanern, auch sie einst von Lissabon unterjocht. Vielleicht liegt es daran, dass die Brasilianer im Fußball so sehr viel erfolgreicher sind als Portugal. So etwas ist nicht gut für das Selbstbewusstsein eines einst großen Kolonialreiches. Dann beschwor er auch noch einen Streit mit dem portugiesischen Nationalhelden Luis Figo herauf, als er sich für die Einbürgerung Decos stark machte. Hätte Portugal bei der Europameisterschaft 2004 nicht das letzte Vorrundenspiel gegen Spanien gewonnen und damit noch den Sprung ins Viertelfinale geschafft – Scolari wäre längst vergessen.

Die Selecão aber kam noch bis ins Endspiel, und zwei Jahre später mag sich kein Portugiese mehr daran erinnern, dass es mal ein Fußballleben ohne Scolari gab. Luis Figo sagt: „Wenn er früher gekommen wäre, hätten wir schon früher große Erfolge gefeiert.“ Scolari feiert blumenreich wie kein Zweiter den heldenhaften Kampf seiner Mannschaft auf dem Rasen, und keiner hat nach der 0:1-Niederlage gegen Frankreich so gelitten wie der brasilianische Trainer. Längst spüren die Portugiesen: Der ist einer von uns, auch wenn er nicht die Hymne singt. Vor ein paar Monaten wollte England den portugiesischen Trainer abwerben, aber der ließ sich auf nichts ein. „Ich bin ein sehr altmodischer Trainer“, sagte Scolari. „Wenn ich einen Vertrag unterzeichne, dann halte ich ihn auch ein.“

Ausgerechnet ein Brasilianer gibt der lange Zeit orientierungslos vor sich hin lebenden Fußballnation Portugal das Selbstbewusstsein, das sie zuletzt bei der WM 1966 hatte, als der Engländer Bobby Charlton mit zwei Toren im Halbfinale den Traum vom Endspiel zerstörte. Am Mittwoch war es Zinedine Zidane, der beste Spieler der vergangenen Dekade, dessen Elfmetertor Portugals Traum vom Finale beendete. So etwas quält Scolari. Ein Stratege wird nicht gern von seinesgleichen besiegt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben