Sport : Polnisches Sumpfgebiet

Der Korruptionsskandal in der Ekstraklasa gefährdet die Europameisterschaft 2012

Knut Krohn[Warschau]

Der Fußballklub Znicz Pruszkow spielt demnächst in der ersten polnischen Liga. Das ist eigentlich eine schöne Nachricht, doch in Pruszkow löste sie erst einmal Entsetzen aus. Der Aufstieg traf alle Verantwortlichen völlig unvermittelt, der Verein besitzt weder das Stadion noch die Spieler, um in der Ekstraklasa bestehen zu können. „Als Fußballfan habe ich gemischte Gefühle“, sagt Vizebürgermeister Andrzej Krolikowski.

Noch vor zwei Jahren spielte Znicz Pruszkow in der dritten Liga. Dann begann ein kometenhafter Aufstieg, den die Spieler des Warschauer Vorortklubs allerdings nicht ganz aus eigener Kraft geschafft haben. Grund dafür war vor allem, dass die oberen polnischen Fußballligen in einem Sumpf aus Korruption versanken. Mindestens 29 Vereine in den ersten vier Ligen sowie 116 Beschuldigte waren über Jahre und im großen Stil damit beschäftigt, Spieler und Schiedsrichter zu kaufen. Der Schwindel flog auf, und vielen Vereinen wurde die Lizenz entzogen. Kenner der Szene vermuten aber, dass der Sumpf im polnischen Fußball noch lange nicht trockengelegt ist.

Die polnischen Fußballfans sorgen sich in diesen Tagen nicht nur um den Ruf des Landes, sondern müssen auch fürchten, dass die Europameisterschaft 2012, die in Polen und der Ukraine ausgetragen werden soll, Schaden nimmt. Anfang Juli war Uefa-Chef Michel Platini in Warschau und redete den Verantwortlichen ins Gewissen, ihr Versprechen wahr zu machen und sich nicht nur mit dem Bau von Stadien, Straßen und Hotels zu beeilen, sondern auch die Aufräumarbeiten in Sachen Korruptionsskandal voranzutreiben. Doch der polnische Fußballverband steht nun vor einem kuriosen Problem. Inzwischen wurden so viele Vereine degradiert, dass der Start der höchsten Liga verschoben werden muss oder der Spielbetrieb in knapp zwei Wochen mit weniger als den vorgeschriebenen 16 Mannschaften aufgenommen wird.

Da bringt es auch wenig, dass Nachrücker wie Znicz Pruszkow sich mächtig ins Zeug legen, um zumindest ihre Stadien tauglich für die erste Liga zu machen. Kaum war die Nachricht vom Aufstieg eingetroffen, begann man mit der Montage einer Flutlichtanlage und der Ausbesserung des ramponierten Rasens. Und natürlich muss die Zuschauerkapazität erhöht werden. Bisher haben auf der Tribüne nur 1800 Zuschauer Platz, das Reglement verlangt aber 3000 Sitzplätze. Es gibt auch noch ein sportliches Problem. „Bis jetzt wissen wir nicht, gegen wen wir wirklich spielen werden“, sagt Vizepräsident Witold Makowski. Mindestens sechs Mannschaften der ersten Liga stehen noch unter Korruptionsverdacht. Niemand weiß, ob sie eine Lizenz bekommen.

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