POSITION : Eine schreckliche Familie

Die Sportverbände geben sich als Wertegemeinschaft – dabei regiert der Egoismus Von Helmut Digel

Man könnte manchmal glauben, im Sport sei jeder mit jedem verwandt, so häufig wird der Begriff der Familie in der Welt des Sports in Anspruch genommen. Ist man Gast bei den Olympischen Spielen, begegnet man der „Olympic Family“, bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften der „IAAF-Family“, und natürlich hat auch der Weltfußballverband, die Fifa, seine eigene „Fifa-Family“. Wie selbstverständlich reden auch die Repräsentanten der Politik und Sportpolitik von der großen „Sportfamilie“, von einer besonderen Wertegemeinschaft des Sports.

Wenn die Verantwortlichen in den Organisationen des Sports den Familienbegriff verwenden, möchten sie damit zum Ausdruck bringen, dass sich die Mitglieder dieser Familie bestimmten Idealen verbunden fühlen: Fair-Play, Solidarität, Internationalität, gegenseitiger Respekt, eine gemeinsame Haltung gegen Betrug, Doping, Gewalt und Korruption. Betrachtet man allerdings das alltägliche Leben in den „Sportfamilien“, muss man erkennen, dass diese Ideale viel zu oft bedeutungslos geworden sind.

Feudale Strukturen sind zu erkennen, Hierarchien und Abhängigkeiten. Ausgeprägte Egoismen verhindern solidarische Verbundenheit, ein wachsender Dopingbetrug und Gewaltausschreitungen überdecken die Möglichkeit des friedlichen Spiels und Wettkampfs; eine international sich ausbreitende Korruption steht demokratischen Entscheidungsprozessen im Weg, und die Geldgier vieler Beteiligter führt die erzieherische Qualität des Sports ad absurdum.

Ein Fifa-Präsident sieht sich selbst in einer Position, die mit der eines Staatspräsidenten vergleichbar ist. Entsprechend sind seine protokollarischen Erwartungen und meist werden diese auch von seinen Partnern aus Politik und Wirtschaft erfüllt. Die ständig wachsenden Einnahmen aus dem Verkauf von Fernseh- und Marketing-Rechten haben zu einer Anspruchshaltung und zu Gewohnheiten geführt, die sich immer häufiger in Verschwendung und Überfluss äußern: Übernachtung in Luxussuiten, luxuriöse Empfänge, elitäre Statuskarossen.

Die tatsächlichen Entscheidungsprozesse entziehen sich hingegen zunehmend demokratischer Legitimation. Mit dem angeblich sehr demokratischen Wahlprinzip „one vote one country“ lässt sich dabei nahezu beliebig Schindluder treiben. Die Stimmen kleinerer Länder sind – gleich zu Paketen gebündelt – gegen entsprechende Leistungen zu erwerben.

Die Ölstaaten oder autoritäre Regime wie Russland oder an der sportpolitischen Macht interessierte Multimillionäre können dabei das Stimmverhalten meist so punktgenau beeinflussen, dass die Entscheidungen über wichtige Sportereignisse kaum noch eine Überraschung sind. Sicher, auch früher sind schon Wahlen im Sport beeinflusst worden. Das Fatale ist jedoch: Auch eine größere Transparenz im Weltsport wie unter IOC-Präsident Jacques Rogge hat diese Praxis nicht beendet. Als Atlanta den Zuschlag für die Olympischen Spiele 1996 bekam, war es nur eine Vermutung, dass der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch und Sponsor Coca-Cola direkt eingegriffen hatten. Bei der Vergabe der Winterspiele 2014 an Sotschi in diesem Jahr war die Einflussnahme des russischen Präsidenten wie auch der russischen Industrie nun nicht mehr zu übersehen.

Manche Repräsentanten des Sports begeben sich – selten ungewollt, meist bewusst – in Abhängigkeit von Diktatoren und autoritären politischen Regimen. Russlands Einfluss auf den Weltsport zum Beispiel wächst dadurch nahezu ständig an. Vom russischen Staat beeinflusste Wirtschaftsunternehmen wie Gazprom werden so zu zentralen Steuerungsinstanzen der Sportentwicklung.

Sportpolitik ist somit vorrangig Machtpolitik, ausgerichtet an vordergründigen Interessen. „Geld haben oder nicht haben“ ist zum zentralen Code geworden. Wozu Verbände immer mehr Geld benötigen, wird dabei gar nicht diskutiert. Verbände geben Millionen für Programme zur Entwicklung ihrer Sportart aus, ohne diese Programme anschließend seriös auszuwerten. Die Fifa zum Beispiel baute sich als Zentrale einen Palast, der seinesgleichen sucht. Sie hat offenbar keine Scheu vor der Frage, ob sich Sportverbände überhaupt so darstellen sollten.

Doch manche Budgets unterliegen keiner demokratischen Kontrolle. Eine ganze Reihe von internationalen Sportfachverbänden werden schließlich von Autoritäten geführt, die zur Alleinherrschaft neigen. Ihr Lebensstil hat meist nur noch wenig mit jenem gemein, den sie selbst in ihren öffentlichen Reden propagieren. Die Präsidenten des Internationalen Fußball- und Handballverbandes könnte man dabei ebenso als Beispiel erwähnen wie den Präsidenten des internationalen Volleyballverbandes. Präsidenten nahestehende Clans können von diesem Führungsstil profitieren, und die hauptamtlichen Mitarbeiterstäbe unterwerfen sich devot den selbsternannten Herrschern. Europäische Präsidenten begünstigen dabei ihre europäische Klientel, arabische Präsidenten ihre arabische und afrikanische ihre afrikanische.

In dieser Art von Familie wird nur hinter vorgehaltener Hand Kritik geübt. Solidarität ist zum Fremdwort geworden. Es geht um straffe Hierarchien. Wer oben ist, partizipiert am Erfolg, wer am Rand ist oder gar unten, muss schauen, wie er in dieser Familie von den Brosamen leben kann, die ihm die Mächtigen überlassen. Ein positives Verständnis des Begriffs der Familie wird in der Welt des Spitzensports mit Füßen getreten.

Die Gefahren, die sich aus solchen Verhältnissen für den Spitzensport ergeben, sind längst offensichtlich. Die Distanz der Athleten zu jenen, die über sie als Funktionäre verfügen, wird immer größer. Der Verlust an Glaubwürdigkeit ist naheliegend, wenn sich die Funktionäre nur bedingt an die moralischen Maximen halten, die sie den Athleten auferlegen. Die sportlichen Veranstaltungen selbst erhalten Parallelstrukturen: Während Athleten und Kampfrichter sich über mehrere Tage im Zentrum des sportlichen Ereignisses befinden, bilden die Funktionäre mit der Wirtschaft, den Medien und der Politik ihre eigene Empfangsliga, die nicht selten einem Jahrmarkt der Eitelkeiten gleicht.

Dabei könnte der Familienbegriff durchaus bedeutungsvoll und perspektivisch sein. Die Idee der Großfamilie hat nach wie vor eine herausragende Bedeutung. Als großes Netz verträgt es keinen Riss. Es mahnt zur Bescheidenheit. Den eigenen Platz in dieser Familie zu finden, aber nicht unnötig auszudehnen, darin muss jedes Mitglied der Familie seine Meisterschaft suchen. Damit ist aber auch jene Freiheit zu gewinnen, durch die sich Familie auszeichnet.

Die Idee der Großfamilie könnte somit für den Sport durchaus richtungweisend sein. Ganz offensichtlich ist dies jedoch nur dann möglich, wenn der Sport selbst sich mit seinen Familien als eine Wertegemeinschaft versteht, in denen die Werte wirklich gelebt werden und sich nicht als ein bloßes Alibi erweisen.

Der Autor leitet das Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen und ist Mitglied im Council des Internationalen Leichtathletik-Verbandes.

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