Position : Hertha muss Berlin mitnehmen

Herthas Präsidiumsmitglied Klaus Brüggemann hofft, dass der Abstieg in die 2. Bundesliga auch eine Chance für den Klub ist - trotz aller gemachten Fehler.

Klaus Brüggemann

Die vergangenen Wochen waren hart für alle Hertha-Fans. Der Abstieg hat wehgetan, auch wenn die Zweite Liga für viele nicht neu ist. Auch für mich nicht. 1994 gehörte ich zu den Gründungsmitgliedern des Hertha-Förderkreises, seit 2008 gehöre ich Herthas Präsidium an. Ich habe einiges erlebt, doch unser Absturz in dieser Saison ist ohne Beispiel. Richtig erklären kann sich das niemand. Eigentlich nur so: Die Mannschaft ist in einen Negativlauf geraten. Dass der Kopf entscheidet, hat man beim 5:1 in Wolfsburg gesehen, als das Team nichts mehr zu verlieren hatte und befreit aufspielte.

Die Gründe für den Abstieg sind vielfältig, wobei ich nur meine persönliche Meinung äußern kann. In der vorigen Saison hatten wir eine positive Dynamik, die Mannschaft hat über ihren Möglichkeiten gespielt. Dann mussten wir zwei, drei wichtige Spieler abgeben, deren Verlust nicht zu kompensieren war. Es gibt den sogenannten Zidane-Cluster, der besagt, dass der Topspieler eines Mannschaftsteils die anderen durchschnittlichen Spieler um 25 Prozent besser macht. So war es bei Josip Simunic und Andrej Woronin.

Die Mannschaft ist wohl auch überbewertet worden. Die Außenverteidigerpositionen waren schon in der Vorsaison schwach besetzt, aber das konnte viel besser kompensiert werden. Bei einer Mannschaft ohne herausragende Einzelspieler dominiert der schlechteste Inputfaktor, das heißt die schwächsten Spieler prägen das ganze Team. Man hat somit einen Doppeleffekt, der sich negativ auswirkt, wie man in der Hinrunde gesehen hat.

Wir werden immer wieder gefragt, warum wir Simunic, Woronin und Pantelic nicht gehalten haben. Ganz einfach: Weil sie nicht zu halten waren! Das haben wir auch oft genug mitgeteilt, aber es wird leider immer wieder überhört. Es ging nicht ums Wollen, es ging ums Können. Es ist eben wie im richtigen Leben: Auf Dauer kann man nicht mehr Geld ausgeben, als man einnimmt. Dass Hertha diesen Grundsatz in der Vergangenheit wiederholt verletzt hat, rächt sich jetzt gewaltig.

Marko Pantelic hatte ein Angebot, das deutlich über dem lag, was er letztlich bei Ajax Amsterdam verdient hat. Pantelic hat sich einfach verzockt. Natürlich war er auch nicht der beste Freund unseres damaligen Trainers Lucien Favre. Josip Simunic besaß eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag. Er wollte sich verändern, und die Transfereinnahmen waren auch wichtig für uns. Um Andrej Woronin zu halten, hätten wir ein zweistelliges Millionenpaket schnüren müssen. Hertha BSC ist halt nicht der FC Schalke 04, bei dem mal eben die hochverschuldete Stadt Gelsenkirchen über eine Tochtergesellschaft 25 Millionen Euro in den Klub pumpt. Bei den Schalkern weiß ich sowieso nicht, wie die das mit den hohen Verbindlichkeiten hinbekommen. Das ist schon merkwürdig.

Dieter Hoeneß kann froh sein, dass er nicht mehr da ist

Die Neuverpflichtungen des Sommers haben die Erwartungen nicht erfüllt, Lucien Favre hat bei zwei, drei Spielern sicherlich kein ausgesprochen glückliches Händchen gehabt. Andererseits ist es so, wie Axel Kruse vor kurzem gesagt hat: Man kann nicht mit 1,50 Euro ins KaDeWe gehen und Champagner kaufen.

Ob es auch ein Fehler war, Dieter Hoeneß gehen zu lassen – das ist müßig. Dieter Hoeneß ist Vergangenheit. Und eigentlich kann er froh sein, dass er nicht mehr da ist. Es war doch abzusehen, dass die Saison sehr schwierig wird. Mir jedenfalls war das klar, und das habe ich auch intern vertreten. Deshalb ist es mir zu einfach, Michael Preetz allein für den Niedergang verantwortlich zu machen. Preetz war wirklich nicht zu beneiden. Er hat den Laden im Sommer übernommen – ohne Übergabe und mit enormen Altlasten. Und dann kommt dieser unfassbare Negativlauf hinzu. Michael Preetz musste erst einmal das ausbaden, was ihm andere eingebrockt haben. Die Transfers im Sommer waren vorrangig Transfers von Lucien Favre. Die drei Transfers im Winter, die Michael Preetz mit Friedhelm Funkel getätigt hat, waren hervorragend.

Trotzdem: Alle Beteiligten haben Fehler gemacht. Das ist wohl so, wenn ein Klub absteigt. Die Fehler sollten sich halt nicht wiederholen. Deshalb dürfen wir jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen. Angst vor einer Abwahl bei der Mitgliederversammlung habe ich nicht; Angst habe ich, wenn es im Flugzeug wackelt. Außerdem geht es um den Klub, nicht um Einzelne. Wenn es Leute gibt, die es besser können – bitte, dann sollen es andere machen. Andererseits wollen wir nicht vor der Verantwortung davonlaufen, wir wollen helfen, damit die Mannschaft schnell in die Bundesliga zurückkehrt. Das zeitintensive Ehrenamt macht keineswegs immer Spaß. Operativ sind wir nicht tätig, Fußball spielen wir auch nicht, und trotzdem sind wir nach der Meinung einiger an allem schuld. Ich halte die Mitglieder von Hertha BSC aber für klug genug, dass sie nicht auf Demagogen reinfallen.

Der direkte Wiederaufstieg muss das Ziel sein. Die Zweite Liga ist Mist, aber es kann auch Spaß machen, oben mitzuspielen und wieder aufzusteigen. Ein Selbstläufer wird das zwar nicht, ich bin aber zuversichtlich, dass der Aufstieg gelingen kann. Herthas großartige Fans haben das verdient. Man muss die Situation annehmen, nicht lamentieren, sondern sehr mutig den Wiederaufstieg angehen. Ein Abstieg ist auch ein Einschnitt, aber wir müssen wichtige Spieler halten, gute, erfolgsgierige Zweitligaspieler dazuholen, die Jungen fördern. Und ein paar Zweitligaspieler haben wir ja schon im Kader.

Der Abstieg kann auch eine Chance sein, neue Sympathien zu gewinnen. Hertha muss die Berliner mitnehmen, eine neue Aufbruchstimmung erzeugen. Wenn uns das gelingt, hätte der Abstieg sogar noch etwas Positives gehabt.

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