Post aus Peking : Cheerleading auf Chinesisch

Einsichten und Ansichten unserer Paralympics-Reporter. Diesmal hat sich Annette Kögel unter die Stimmungsmacher im Nationalstadion gemischt.

Annette Kögel[Peking]
Annette Kögel
Annette Kögel berichtet aus Peking für den Tagesspiegel von den Paralympics.

Zum Journalistendasein gehört die kritische Distanz ja wie Stift und Block. Heute wollen wir mal so richtig schön dagegen verstoßen. China fordert uns dazu heraus, mit seinen mitunter strengen Regeln im Nationalstadion, dieses technische Wunderwerk in Metallgrau und Chinarot. Für die Sportler ist alles sehr gut organisiert, für die Presse teils ziemlich reglementiert: Von den Plätzen für die schreibende Zunft aus darf man beispielsweise keine Fotos schießen, und in der Mixed Zone dürfen sich nur Fernsehleute an die TV-Plätze stellen - aber keine Fotografen, die gerade diesen Trubel dokumentieren wollen.

Betreiben wir also investigativen Journalismus – und mengen uns unter die „Cheering from Beijing Workers“. Jene Anfeuerungstrupps, die mit ihren gelben T-Shirts stadionblockweise gute Laune verbreiten. Eigentlich wird unsereins nicht in diese Sitzreihen als Gast aus „De Guo“, als Journalist aus Deutschland, hinein gelassen. Mit viel freundlichem Kopfnicken und dem Paralympics-Ritual des gegenseitigen Fotografierens und Pin-Austauschens klappt es dann doch. Die fortwährend bemühten Volonteers machen es möglich. Von außen sehen diese Cheering Workers immer aus wie eine wogende Masse aus gelben Hemden. Wenn man mittendrin sitzt, sind das aus vollem Herzen mitfeiernde Menschen.

So richtige Hausmuttis sind darunter, die ihre rosaroten Plüschperücken fröhlich schütteln oder gleich auch an uns weitergeben. Andere singen zusammen, schlagen die gelben, mit Luft prall gefüllten länglichen Ballons aneinander, dass es nur so knallt. Mitunter gelingt sogar schon eine spontane La Ola. Woher sie kommen, ob sie sich beworben haben oder ausgesucht wurden, das ist nicht herauszubekommen. Macht aber nichts, denn wir verständigen uns auch so per Zeichen- und Körpersprache. So viel ehrliche Freude, so viel Engagement, das kennt man sonst nur von unseren Schülerredakteuren.

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