Sport : „Probleme gibt es in Afghanistan“

Bayerns Manager Uli Hoeneß über jammernde Deutsche, die Fernsehrechte und seinen möglichen Nachfolger Oliver Kahn

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Herr Hoeneß, Sie sprechen gerne vom „Superprodukt Bundesliga“, und dass die konjunkturelle Lage beim Fußball kaum Spuren hinterlassen habe. Alles kriselt, und nur der Fußball ist krisenresistent?

Wir haben im vergangenen Jahr Umsätze gehabt wie noch nie, die Zuschauerzahlen in der Liga sind sehr gut . In Zeiten, wo es nicht so gut läuft, machen die Leute Dinge, die ihnen Spaß machen. Dazu zählt der Fußball. So schlimm wie alle tun, ist es sowieso nicht, auch wenn die Leute kleine Probleme haben. Echte Probleme haben wir in Deutschland gar nicht, die gibt es in Afghanistan.

Die Deutschen jammern zu viel?

Viel zu viel. Das ist das Problem. Deshalb habe ich auch die Dinge bei der Fernsehdiskussion zurechtgerückt. Die Fernsehsender sind nämlich ganz oben dabei.

Sie klingen sehr optimistisch beim Thema Rechteverkauf. Bislang halten sich die Interessenten aber arg zurück.

Glauben Sie, es sagt einer: Das will ich unbedingt haben, damit er dann mehr bezahlen muss? Aber wir müssen denen auf der anderen Seite zeigen, dass wir auch ausgeschlafen sind. Dann schauen wir, was rauskommt.

Sie haben die DFL harsch wegen ihrer Passivität kritisiert. Würden Sie die Sache am liebsten selbst in die Hand nehmen?

Wenn ich mich bei diesem Thema engagiere, mache ich das ja nicht so sehr für den FC Bayern, sondern viel eher für die kleinen Vereine. Der proportionale Anteil der TVEinnahmen am Gesamtumsatz ist bei Rostock oder Cottbus ja viel höher als bei uns. Wir werden immer überleben, aber die Kleinen haben limitierte Mittel.

Und die großen Vereine nehmen eine immer dominantere Stellung ein.

Den Trend finde ich aber nicht schlimm. Ein Verein aus Kaiserslautern, einer Stadt mit 150 000 Einwohnern, kann nun mal auf Dauer nicht den FC Bayern ärgern. Die können vielleicht mal Deutscher Meister werden, Braunschweig war das auch, aber Braunschweig wird nicht fünf Mal in Folge Deutscher Meister. Das Zuschauerpotenzial, das Werbepotenzial, das ist ein ganz anderes als in einer Weltstadt.

Also werden auf Dauer nur Multifunktionsbetriebe wie der FC Bayern und Borussia Dortmund konkurrenzfähig sein – mit eigener Arena, eigenem Reisebüro?

Das ist nicht auf München oder Dortmund beschränkt, das passiert überall, auch in Rostock haben sie sich ein schönes Stadion gebaut. Das ist ein Trend, dem alle nachkommen. Alles entwickelt sich in Richtung einer Konsumgesellschaft, einer Spaßgesellschaft fürs Wochenende.

Spaßgesellschaft Bundesliga?

Nein. Der Sport steht nach wie vor total im Mittelpunkt. Nur: Der Bürger will heute nicht mehr bei Wind und Wetter ins Stadion gehen, er ist nicht mehr bereit, nur eine Bratwurst zu kaufen oder ein Bier. Der Bürger will heute seine Kinder im Stadion abgeben können, er will seine Freundin mitnehmen, und die kommt nur mit, wenn sie nicht nass wird und nicht friert. Die Gesellschaft ist bequemer geworden – dem müssen wir auch als Fußballverein Rechnung tragen.

Sehnen Sie sich nicht manchmal nach dem puren Fußball der Siebzigerjahre zurück?

Wenn wir anfangen zurückzuschauen, haben wir schon aufgehört zu existieren. Sehen Sie die Medizin: Als ich in meiner aktiven Zeit am Meniskus operiert wurde, musste ich eine Woche ins Krankenhaus und hatte anschließend fünf Zentimeter weniger Muskel. Heute dauert die OP zehn Minuten, ohne Muskelverlust. Soll ich jetzt sagen: Früher war es aber gemütlicher?

Sie gelten aber nicht unbedingt als Freund des Spaßcharakters der heutigen Zeit. Akzeptieren Sie ihn in der Bundesliga?

Nein, ich beziehe das auf die gesamte Gesellschaft. Diese Oberflächlichkeit, diese Verona-Feldbusch-Kultur muss aufhören. Man muss wieder ein Buch lesen, man muss wieder mit seinen Freunden in die Kneipe gehen und diskutieren. Über die Politik, über die sozialen Probleme und nicht vor dem Fernseher sitzen und „Deutschland sucht den Superstar“ schauen. Vielleicht mal fünf Minuten, aber so was darf nicht das Zentrum unserer Gedanken sein.

Beim FC Bayern ist das Spaßprinzip wieder dem Leistungsprinzip gewichen. Ist das Ziel, schönen Fußball zu spielen, endgültig passé?

Das wollen wir nach wie vor, aber man muss nuancieren. Wenn man feststellt, dass man mit reinem Spaßfußball nichts gewinnen kann, muss man sein Spiel wieder auf das Wichtigste reduzieren: den Erfolg. Das sieht man doch jetzt, wo wir vielleicht nicht mehr ganz so attraktiv spielen, aber oben in der Tabelle stehen. Da sind angeblich alle unsere Probleme gelöst.

Sie haben selbst gesagt, dass die Phase des Neuaufbaus noch andauert. Ist das Ihre letzte große Aufgabe als Manager? Für 2006 haben Sie Ihren Rücktritt angekündigt.

Damit beschäftige ich mich keine Sekunde. Ich mache ein Tagesgeschäft. Ich schaue auf heute, auf morgen, vielleicht aufs nächste Jahr. Und wenn wir 2006 keinen gescheiten Nachfolger gefunden haben, werde ich weitermachen. Ich werde den Verein nicht in einem Zustand zurücklassen, der nicht befriedigend ist. Wenn wir bis dahin das Stadion finanziert haben, eine ordentliche Mannschaft haben und der Verein in einem Topzustand ist, bin ich gerne bereit zu übergeben.

Als Nachfolgekandidat gilt Oliver Kahn. Trauen Sie ihm die Aufgabe schon zu?

Sonst hätten wir uns keine Gedanken über ihn gemacht. Wir haben vereinbart, dass er bis 2004 andeuten soll, ob er sich die Aufgabe vorstellen kann. Wenn es ihn interessiert, werden wir überlegen, wie das aussehen könnte.

Und Sie würden die Handlungsvollmacht abgeben? Das wird Ihnen schwer fallen.

Nein. Sehen Sie, ich habe gerade meine Wurstfabrik an meinen Sohn übergeben, da haben auch alle gesagt: Das schafft der nie, da loszulassen. Früher habe ich 80 Prozent der Dinge erledigt, jetzt sind es noch fünf oder zehn. So kann ich mir auch einen guten Übergang beim FC Bayern vorstellen.

Können Sie sich auch einen kompletten Rückzug aus dem Fußball vorstellen?

Nein, ich habe immer gesagt, dass ich bereit bin, dem FC Bayern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, sei es im Aufsichtsrat, im Präsidium oder als Berater. Ich betrachte mich dann als Elder Statesman, der im Hintergrund die Dinge mitprägt. Und weil man da nicht immer in der Öffentlichkeit steht, kann man dabei sogar effektiver wirken.

Das Gespräch führten Daniel Pontzen und Timm Rotter.

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