Sport : Prügelhart – das macht am meisten Spaß

Der Weltcup-Rennläufer Simon Stickl über den richtigen Untergrund beim Skicross

Simon Stickl
Gefährlicher Hindernislauf. Der Skicross-Rennfahrer Simon Stickl (hier bei den Olympischen Spielen in Vancouver) liebt eisige Pisten. Foto: p-a/dpa
Gefährlicher Hindernislauf. Der Skicross-Rennfahrer Simon Stickl (hier bei den Olympischen Spielen in Vancouver) liebt eisige...Foto: picture alliance / dpa

Nebel bei Abfahrtslauf, Wind beim Skispringen, Kaltluft beim Eisschnelllaufen – der Wintersport findet in der Natur statt und ist damit auch ihren Elementen ausgeliefert. In unserer Serie spüren wir diesen Elementen des Winters nach und beschreiben, wie sie sich auf den Sport auswirken. Heute, Teil zwei: Der Skicross-Rennläufer Simon Stickl über den Untergrund.

Auf meinem Hausberg, dem Sonnenbichl in Bad Wiessee, dürfen Amateure gar nicht mehr trainieren, nur noch die Skiklubs und die Skiverbände. Zu gefährlich. Die eine Seite des Hanges, die extrem steil ist, wird mit Sprühbalken bearbeitet. Sie spritzen Wasser in den Schnee, der gefriert und bildet eine Grundlage. So hält die Piste länger und ist einfacher zu präparieren. Einige Stellen werden durch die Balkenpräparierung auch eisig. Das hat mit dem Skifahren von früher nichts mehr zu tun, da kann man nur mit messerscharfen Kanten und taillierten Ski runterfahren. Ein Amateur hat da keinen Spaß, der Untergrund ist prügelhart. Aber das macht am meisten Spaß, weil man sein Gefühl ausspielen kann. Es ist auch nicht belastend für die Bänder, erst wenn der Schnee weich und schwer wird, das ist dann der Haxenbrecher-Schnee. Oder auf Hochdeutsch: der Fußbrecherschnee.

Beim Skicross ist es mir am liebsten, wenn die Strecken kompakt und hart und eisig sind. Wichtig ist aber, dass die Landungen bei den weiten Sprüngen nicht vereist sind. Das wäre nicht gesund für die Schienbeine, wenn man jedes Mal vorne reingedrückt wird.

St. Johann in Tirol ist meine Lieblingsstrecke im Weltcup, weil sie technisch anspruchsvoll, relativ steil und sehr eisig ist. Das liegt mir, dort habe ich letztes Jahr gewonnen, am Wochenende bin ich dort auf Platz sieben gefahren, das war auch in Ordnung. Der Kurs in Alpe d’Huez, wo wir heute fahren, ist relativ flach, ein Gleiterkurs. Das ist nicht so mein Fall, dazu fehlen mir ein paar Kilogramm. Meine Stärken sind eher im Kurvenbereich. Mein Hausberg, der Sonnenbichl in Bad Wiessee, ist auch extrem steil. Deshalb liebe ich das Steile einfach.

Ich bin auf Bergen unterwegs, seit ich klein bin. Meine Eltern haben eine Wirtschaft auf dem Berg, da helfe ich ab und zu. Eigentlich dreht sich das ganze Leben meiner Familie um die Berge. Ich könnte überhaupt nicht im Flachland leben.

Wir haben verschiedene Elemente im Skicross, die meistens künstlich angelegt sind. Es gibt Wellen, die muss man entweder drücken, also durchfahren, oder überspringen. In Alpe d’ Huez gibt es eine Fünfer-Wellen-Kombination, das ist die längste im Weltcup. Man springt von Welle eins auf Welle zwei und von drei auf vier und drückt die fünfte. Was gibt’s noch? Die Steilwandkurven und die Negativkurven sind meistens künstlich angelegt. Und am Start gibt es manchmal Wu-Tangs – ich weiß gar nicht, ob es einen deutschen Begriff dafür gibt. Da geht es so steil hoch wie in einer Halfpipe und auf der anderen Seite genauso steil runter. Man springt nicht weit, aber dafür extrem hoch. Das gibt es nur am Start, denn wenn man einen Wu-Tang mit zu viel Tempo fährt, geht das nicht gut.

Beim Training achte ich auf der Strecke darauf, was die beste Linie ist. In der Qualifikation kann man diese Linie auch auf jeden Fall noch fahren, aber im Rennen kann dann jemand anderer drauf sein.

In Europa gibt es noch nicht viele Skicross-Strecken. Bei mir am Spitzingsee findet sich eine, in Grasgehren auch. Wir hoffen, dass es noch mehr werden. Unser Sport könnte die Zukunft des Skisports sein. Der Kampf Mann gegen Mann ist einfach spektakulär und nicht so stupide wie gegen die Zeit zu fahren.

Aufgezeichnet von Benedikt Voigt. Bereits erschienen: Jenny Wolf über Kaltluft im Eisschnelllaufen (10.1.).

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