Sport : Punk ist tot

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Christian Hönicke über das

Ende der Garagenteams in der Formel 1

Spätestens seit Toyota in dieser Saison mit einem Etat jenseits aller Vorstellungskraft (die Schätzungen reichen von 250 bis 500 Millionen Euro) Mitglied der bekanntesten Rennserie der Welt wurde, steht fest: Die Formel 1 steckt mitten in der größten Wandlung ihrer Geschichte. Mit Ferrari, Toyota, Renault und Jaguar existieren derzeit vier reine Werksteams, hinter denen Giganten der Automobilbranche stehen. Tendenz steigend.

Auf der anderen Seite gibt es mit Jordan, Arrows, Minardi, BAR und Sauber nur noch fünf echte Vertreter der so genannten Garagenteams. Angesichts der finanzstarken Konkurrenz und steigender Schulden wird es für sie wohl bald keinen Platz mehr geben in der Formel 1, die sie seit den Siebzigern prägten, seit der Zeit, als der Punk in der Musik seinen Siegeszug antrat. Und ein wenig von den Ramones und den Sex Pistols war damals auch auf den Strecken zu spüren. Damals gab es noch Piloten, die zwischen zwei Partys mal eben schnell ein Rennen fuhren.

Dieser Geist ist längst verflogen. Die Formel 1 ist von einem Zufluchtsort für romantische Anarchisten zu einem reinen Geschäft geworden, in dem das Abenteuer nicht mehr zählt, dafür aber die beste Infrastruktur und Logistik und die Anzahl der Besuche von Prominenten wie Verona Feldbusch. Einstige Garagenteams wie McLaren oder – ausgerechnet – die Chaoten von Williams, die früher einen Fahrer nach dem anderen anheuerten, um Sponsorengelder abzugreifen, erkannten die Entwicklung und verbündeten sich mit den Weltkonzernen Daimler-Chrysler und BMW. Seither geht es nicht mehr ums Siegen, sondern darum, Autos zu verkaufen.

Vielleicht musste es so kommen. Vielleicht war es auch nie wirklich anders, wie sich die Zeit des Punk rückblickend wahrscheinlich auch besser darstellt, als sie tatsächlich war. Dennoch tut es weh, wenn Helden wie die Ramones oder die Sex Pistols abtreten müssen. In der Formel 1 läuft es momentan nicht anders. Ihr Boss Bernie Ecclestone meint, „wenn Arrows Pleite geht, dann kommt eben ein anderer, der diesen Platz einnimmt“. Trotzdem schmerzt die bevorstehende Trennung von Jordan, Minardi oder eben Arrows, das seit seiner Gründung vor 25 Jahren auf einen Sieg wartet. Auch wenn sie sportlich mehr oder weniger erfolglos waren, standen diese Teams doch immer für den Unterschied zwischen der Formel 1 und einem beliebigen Unterhaltungs- oder Marketing-Unternehmen.

Denn wo – außer vielleicht in den Firmenzentralen von Ford oder Renault – kann man sich denn ernsthaft wünschen, dass die Zukunft der Formel 1 nur noch durch die Erbauer von Familienkutschen bestimmt wird? Wer will wirklich den Schlagzeug spielenden Teamchef Eddie Jordan eintauschen gegen einen Manager aus dem Hause Volkswagen, das Gerüchten zufolge nun auch kurz vor dem Einstieg in die Formel 1 steht?

Wenn demnächst nur noch Automobilhersteller, die wie VW ihre Sondermodelle nach Bon Jovi und Pink Floyd benennen, in Spa, Monza oder Silverstone an den Start gehen, dann ist der Punk wirklich tot. Zumindest auf der Rennstrecke.

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