Sport : Quartett mit Scheibe

Vier deutsche Diskuswerferinnen erreichen die Olympianorm, nach London fahren aber nur drei.

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Gruppenbild mit Bergmann. Nadine Müller, Julia Fischer und Anna Rüh (von links nach rechts) ließen sich in Wattenscheid feiern. Foto: dpa
Gruppenbild mit Bergmann. Nadine Müller, Julia Fischer und Anna Rüh (von links nach rechts) ließen sich in Wattenscheid feiern....Foto: dpa

Wattenscheid - Die stramme Truppe vom Bergmanns-Kameradschaftsverein Bochum stand Spalier. Schmuck sahen sie aus, die Männer in ihren Uniformen mit den weißen Federn auf den Käppis, sie flankierten erkennbar stolz die Diskuswerferinnen, die den Kopfschmuck der Traditionalisten nur unwesentlich überragten. Die Frauen standen neben dem Diskusring im Lohrheide-Stadion in Wattenscheid; zehn Minuten zuvor hatten sie dort bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften noch geworfen, jetzt nahmen sie dankbar den Applaus der Zuschauer entgegen, mit den Bergmanns-Freunden als Kulisse.

Den Applaus hatten sie sich verdient, hochklassiger als das Diskuswerfen der Frauen war am ersten Tag der Meisterschaft kein Wettbewerb. Den Titel gewann, natürlich, Nadine Müller aus Halle an der Saale, die WM-Zweite von 2011. Die große Favoritin schleuderte die Scheibe 66,47 weit, damit lag sie mehr als drei Meter vor der Zweitplatzierten Julia Fischer vom SC Charlottenburg (63,21 Meter). Aber es gibt noch andere Zahlen, und die sagen viel über die Bedeutung dieses Wettbewerbs aus: Anna Rüh aus Neubrandenburg kam auf 63,14 Meter, das bedeutete Platz drei, und Shanice Craft von der MTG Mannheim wuchtete den Diskus 62,92 Meter weit.

Vier Frauen haben damit die Olympia-Norm (62,00 Meter) übertroffen, so eine Dichte hat es schon lange nicht mehr gegeben. Nachdem sich die Bergmänner verzogen hatten und Nadine Müller das Zeremoniell ausgekostet hatte, sagte die 27-jährige: „Es ist schön, dass damit das Diskuswerfen der Frauen wieder attraktiver wird. Vier Frauen, die die Norm übertreffen, das ist schon gut.“

Diskuswerfen der Frauen, das war in Deutschland jahrelang die Solo-Show der dreimaligen Weltmeisterin Franka Dietzsch. Sie beherrschte die Szenerie, erst als sie nicht mehr da war, trat Nadine Müller ins Rampenlicht. Das war nicht so schwer, weil sie quasi allein war. Aber jetzt sind Fischer, Rüh und Craft nachgerückt, sie beleben damit die Konkurrenz. „Es ist gut für mich, dass ich jetzt stärkere Gegnerinnen habe. Damit kann ich die Wettkämpfe nicht mehr so locker angehen. Jetzt muss ich voll konzentriert werfen“, sagte Müller.

Fischer, Rüh, Craft, das sind junge Frauen, die ihre große Zeit noch vor sich haben. Fischer ist 22, Rüh und Craft sind 19 Jahre alt. Diese Breite an Talenten ist ungewöhnlich. „Für Julia freut es mich ganz besonders“, sagt Nadine Müller. Die 22-Jährige hatte den größten Druck, sie war zuletzt ein Opfer ihres eigenen Erfolgs. U-18-Weltmeisterin 2007, Vize-Weltmeisterin im U-20-Bereich 2008, U-20-Europameisterin 2009, U-23-Europameisterin 2011, das ist eine Erfolgsliste, die suggeriert, Top-Ergebnisse seien eine logische Konsequenz. Aber Sport ist keine Mathematik, und Julia Fischer arbeitet nicht wie ein Computerprogramm. Sie hatte zeitweise Erwartungen, die sie nicht erfüllen konnte und die ihr das Gefühl gaben, zu verkrampfen. Am 12. Mai dann ein anderes Gefühl: enorme Erleichterung: In Wiesbaden schleuderte sie die Scheibe 64,22 Meter weit. Damit hat sie ihre Bestweite um fast fünf Meter verbessert. „Da ist eine große Last von meinen Schultern gefallen“, sagte sie.

Anna Rüh hatte schon Anfang Juni 60,75 Meter geworfen. Und jetzt 63,14 Meter, persönliche Bestleistung. Auch Shanice Craft warf persönlichen Rekord. „Mit 62,92 Meter hätte ich nie gerechnet“, verkündete sie. Zu Olympia darf sie trotz erfüllter Norm nicht, sie wurde nur Vierte. Nur die ersten drei werden nominiert. Für das Talent ist die U-20-WM jetzt der Saison-Höhepunkt. Und noch orientiert sie sich nicht an der großen Nadine Müller. Ihr Maßstab liegt eine Leistungsetage tiefer. „Vielleicht klappt es bei der U-20-WM, dass ich sie dort besiege.“ Sie meinte Anna Rüh. Frank Bachner

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